Himmelverbot

Eine packende Filmdokumentation mit einem showperfekten, abgründigen Protagonisten begleitet von einem hartnäckigen Dokumentaristen mit wacher Kamera und ganz uninfiziert vom Fernseh-Asthma-Rhythmus.

Das Thema ist mindestens ein doppeltes, zum einen geht es um die Resozialisierung eines Lebenslänglichen, der 21 Jahre in einem rumänischen Hochsicherheitstrakt eingesessen hat; gleichzeitig aber wird daraus auch eine europäische Migrationsgeschichte, eine erfolgreiche sogar und an einem bestimmten Moment gibt es als bittere Würze einen Schockeinblick in die Mechanismen des modernen Dokumentarfilmes.

Aber der Reihe nach. Der rumänienstämmige Filmemacher Andrei Schwartz ist im Rahmen einer Reportage über ein rumänisches Gefängnis auf den Insassen Gabi, den lausigen Juden, wie er sich selbst vorstellt, gestoßen. Ein Lebenslänglicher, der wegen Mordes einsitzt. Er hat eine Staatsanwältin, die ihn grundlos ins Gefängnis gebracht hat, nach Absitzen der ersten Strafe aus Rache dafür ermordet. Das sei alles zum Vornherein ein abgekartetes Spiel gewesen mit seiner Verurteilung erzählt er später, weshalb er seine Wut an ihr ausgelassen habe.

Schwartz hat über die Jahre den Kontakt zu Gabi gehalten, ihn immer wieder besucht. In diesem Film beginnt er nach kurzer Einführung ab dem Zeitpunkt der letzten Anhörung, die zur Entlassung führt, und die Zeit darnach.

Erst erzählen einige Impressionen vom Gefängnisleben, wie die Gefangenen über die Fensterfront von Zelle zu Zelle sich austauschen, wie sie Gegenstände in Tüten an Schnüren von Fenster zu Fenster schwingen, wie sie durch die Gitter Wäsche aufhängen oder mit Spiegeln miteinander kommunizieren oder den Himmel sehen können. Das Leben hinter Mauern entwickelt seine Qualitäten. Urig gemütlich wird’s, wenn diese 8 oder 9 Männer in einer einzigen Zelle am Abend vor Gabis Entlassung feiern und einer zum Akkordeon einen Rap zum Besten gibt, so schwanen doch dem Zuschauer die Schwierigkeiten, die draußen warten.

Gabi wird mit knapp zehn Euro Bargeld entlassen. Zum Glück hat er Familie. Wobei der Vater sich schon vor Jahrzehnten abgeseilt hat, angeblich, wegen der Kriminalität seines Sohnes. Zwischen Mutter und Sohn herrschte zehn Jahre Funkstille. Sie meint später, Gabi sei seit der Pubertät schwierig geworden.

Gabi ist insofern auch ein Sonderfall, als er bei all diesen Vorgängen gefilmt wird. Es ist dies ein Team bestehend zumindest aus dem Dokumentaristen, der eine freundschaftliche Beziehung zu Gabi aufgebaut hat, einem Kameramann und vermutlich einem Tonmann. Der hagere Gabi ist sich dieses Sonderstatus‘ durchaus bewusst, wenn er Andrei bittet, vor der letzten Anhörung doch nach Rumänien zu kommen, weil das könne sich positiv auswirken. Was es wohl auch getan hat.

Es folgt, durchaus erwartbar, die Sozialtragödie. Wie will so einer einen Job finden, der 21 Jahre vom Leben weggesperrt war? Im Wohnblock der Mutter fangen die bösen Gerüchte an, „die Nachbarn zeigen die Krallen“, ob wegen dem Filmteam oder wegen dem Mörder ist nicht ganz auseinanderzuhalten.

Jedenfalls kommt in so einem Fall der Dokumentarist nicht darum herum, sich als Bewährungshelfer zu betätigen. Da es in Rumänien keine reellen Stellen für einen Lebenslänglichen gibt, bietet sich über einen Kontakt von Andrei ein Job in Bayern an. So wandelt sich der Film zur glücklichen Resozialisierungs- und gleichzeitig Immigrantenstory. In Deutschland ackert Gabi für zwei, macht sich unentbehrlich und es ist ihm egal, ob sie ihn deswegen Asterix oder Duracell nennen.

Da Andrei hartnäckig ist und unbedingt die Akte der Gerichtsverhandlung, die zu Gabis lebenslänglicher Verurteilung führte, einsehen will, was nur nach langem Bemühen gelingt, ergibt sich für den Film noch ein unerwarteter Twist, der die Geschichte aus einem weiteren, nicht unwichtigen Winkel beleuchtet und der auch des Zuschauers Erwartungshaltung an so einen Film in Frage stellt: die Anfälligkeit von Filmemachern, Medien und uns Gutmenschen auf die Geschichten von sozialen Außenseitern und deren Kalkül damit.

„Auf dieser Seite des Tisches fühlt man sich auch nicht wohl“ sagt Gabi bei einem Knastbesuch nach einiger Zeit in Freiheit und, dass er draußen nur lauter Vereinsamte antrifft. Der Knast als verschworene Gemeinschaft.

Einen Job hätte er in Rumänien haben können, als Claqueur im Studio für die Fernsehsendung „Wer wird Millionär“ – für 5 Euro am Tag. Sicher wäre es an diesem Zeitpunkt nicht ungeschickt gewesen, wenn der Dokumentarist offen gelegt hätte, welche wirtschaftliche Regelung er mit seinem Protagonisten für die Dreharbeiten getroffen hat.

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