Der Jugend ein bestimmtes Feeling unterstellen, und sich dann mit einem Film, der vorgibt, dieses Feeling zu schildern, an sie ranschmeißen, das scheint mir das zu sein, was hier passiert.
Dieses Feeling ist beschreibbar mit Nervosität, mit Dauerbeschallung wie in der Disco, pausenlos Bässe und Rhythmen, mit einer Kamera, die am liebsten wackelt und schräge Perspektiven bevorzugt, als ob sie uns erzählen wolle, wisst, genau so sehen Eure Bilder mit Euren Handys aus, wir haben Euch verstanden.
Als Stoff wählen wir einen Roman, der offenbar Erfolg hat bei Euch und der von Mirjam Mou stammt. Wir wollen Euer Lebensgefühl schildern, den Kampf um Freiheit und gegen Manipulation und bevormundende Hierarchien so wie in geschlossenen Anstalten, wie in guten alten Penne-Filmen. Und wenn wir diese Jugend-Atmosphäre schaffen, dann ist eine sorgfältige Umsetzung des Romans in ein filmtaugliches Drehbuch gar nicht mehr nötig, auch wenn wir dafür 3 Autoren auffahren müsssen, Philipp Delmaar, Marco van Geffen und Özgür Yildirim (Blutzbrüdaz), welch letzterer ganz nebenbei auch noch die Regie führen kann.
Auch das kann nonchalent erledigt werden; genaues Figurstudium durchs Buch ist eh nicht nötig, so dass es reicht, wenn die Darsteller, wie Lehrer Isaac, sich auf eine schmierige Masche mit nöligem Ton reduzieren.
Uns interessiert nicht Story, uns interessiert nur Atmosphäre. Dystopisch soll sie sein. Dystopisch heißt, in dem Resozialisierungsinstitut laufen alle mit einer Art Uniform herum, die aussieht wie ein grauer Ganzkörpertrainingsanzug und stehen dann oft in Reih und Glied. Das macht schon sehr grau dystopisch. Und dann die eingepflanzten Chips und die Betäubungspfeile, die auch die Erinnerung vergessen lassen. Es reicht, wenn wir einige Versatzstücke aus dem Roman rauspuhlen und dann schnell schnell und billig filmisch umsetzen. Auch Dorm-Szenen müssen her, zwei Buddies die da schlafen. Dazu eine nächtliche Wichsszene zu einem Video auf dem Handy stellt unsere heutige Jugend trefflich dar.
Gut, ein bisschen Herleitung muss schon sein. Wir entscheiden uns für einen Protagonisten, Sam heißt er im Film, ist Boy 7 und wird dargestellt von David Kross, der natürlich, wie die meisten anderen Darsteller für die Jugend, die meines Erachtens mit dieser Filmmachart angepeilt wird, viel zu alt ist. Er fängt den Film an. Der Einfachheit halber schnallen wir ihm die Kamera um, drücken ihm eine Taschenlampe in die Hand, das spart viel Personal und Aufwand und signalisiert, dass er in einem U-Bahn-Schacht aufgewacht ist und das Gedächtnis verloren hat. Immerhin ist er so präsent, dass er einen Hinweis auf eine Kneipe so interpretieren kann, dass er dort den Schlüssel zu seiner Identität findet; und sein Gedächtnis ist auch so weit noch intakt, dass er weiß, dass er in einer der Sitztoiletten im Spülkasten ein Tagebuch versteckt hat.
Diese Requisit wird nun dem Film den Ersatzhalt für die Geschichte geben, indem anhand von diesem Buch ein Stück seiner Geschichte rekonstruiert wird. Wobei viel in der Luft hängt, und deshalb entsteht der Eindruck, dass es den Filmemachern nicht primär um die Geschichte geht sondern um ein Jugendfeeling. Dieses Bemühen dauert fast zwei Stunden lang.