Ich seh, ich seh

Gedoppelte Optik ohne Kontaktlinsen.

Gesichtsoperationen zerstören den Charakter und Promikinder sind versaut.
Das ist eine Moral, die abzulesen ist, aus diesem insofern „typisch“ österreichischen Horrorschocker, den Severin Fiala und Veronika Franz erfunden haben, als er Abgründigkeit als Prinzip zelebriert. Produziert wurde er von Uli Seidl (zuletzt Im Keller gesichtet) und trägt damit dessen Stempel.

Fiala und Franz wollen vermutlich mehr zeigen als nur diesen Trivialsatz. Sie wollen es dem Zuschauer nicht zu leicht machen, ihre Geschichte zu analysieren und zu entziffern. Rätselhaftigkeit gehört hier zur Methode.

Die Hauptperson ist eine Fernsehmoderatorin, die mit ihren zwei Buben – ephebenhaft grazilen Zwillingen, die sind ein Castingcoup – in einer geräumigen Betonvilla in einem einsamem Waldgebiet wohnen.

Mama kommt erst als Mumie daher, das Gesicht dick bandagiert. Dass der Grund ein Unfall gewesen sei, steht zwar im Programmheft; während dem Screening bin ich von einer Schönheits-OP ausgegangen. Sie muss sich als Person sehr verändert haben, denn die beiden hübschen Buben wollen immer ihre Mutter sehen „Wo ist unsere Mama?“ fragen sie naiv rührend bis bösartig fordernd.

Sie wird als reine Negativfigur mit kopfbandagiert wunderschön langem Hals eingeführt. Sie ist durchgehend böse zu den Buben. Sie redet immer nur den einen der beiden an: Lukas. Später wendet sich das, nachdem die Buben ihr massiv zusetzen, sie auf ihr Bett fesseln und dieses als Folterbank benutzen, da spricht sie plötzlich nur noch Elias an. Elias sei nicht schuld, dass Lukas gestorben sei. Mama trägt Kontaktlinsen, könne aber nichts sehen. Titel des Filmes: ich seh ich seh. Doppelung ohne Kontaktlinsen.

Die Kinoschrift, das Stilistische, das ist sauber; und wenn man darüber verfügt, muss man sich wohl um letzte Klarheit der Geschichte nicht kümmern, denken die Macher. Es gibt traumhafte Bilder von den beiden Buben in der Natur, wie sie über vertrocknete Erdschollen über einem Sumpfgelände wippen, wie sie Trampolin springen, wie sie Hagelkörner einfangen, wie sie auf einem Gleis laufen, auf abgeernteten Kornfeldern oder durch den stehenden Mais jagen und was die Landidylle noch an schönen Bubenbildern hergibt.

Aber auch die Buben sind böse. Erst mit Kakerlaken. Zwei davon, Stuntschaben genannt, haben sogar einen Namen: Mathilder und Newal. Das fasziniert Buben, ein Brennglas zwischen die Sonne und den Kakerlakenpanzer zu halten. Aber das Brennglas lässt sich auch auf die Wange der gefesselten Mutter richten.

Mutter dagegen muss die in einem Gebeinhaus gefundene Katze Leo getötet haben. Eine Familie, die das Herz auf dem rechten Fleck hat. Zeigen, wie grausam der Mensch sein kann gerade am Ort der größten Zuneigung, in der Familie. So banal wie wahr.

Zum Kontrast singt Ruth Leuwerick aus einem alten Film mit sieben Kindern das Lied von den Sternlein am Himmel. Das wird später wieder aufgenommen. Die Sternlein sehen das Grausame nicht. Sie verniedlichen oder minimalisieren es. Was ist so ein menschliches Wehwehchen gegen die Größe des Sternenhimmels – was sind menschliche Quälereien doch für Kinkerlitzchen. Diese Behauptung wird akkordhaft untermalt durch das Trampeln der Mutter über Metalltreppen im Off.

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