Brüggemann dreht auf. Dietrich Brüggemann (Kreuzweg, 3 Zimmer, Küche, Bad, Renn, wenn du kannst) lässt auf dem Kampffeld Leinwand durchaus mit veräppelnder Paraphrase einige geistig-politische Strömungen Deutschlands direkt aufeinander krachen und zieht kinematgraphischen Nutzen daraus.
Brüggemann fängt knallig an, kurz Schwarz-Weiß-Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs, kaum zwei Sekunden, dann Texttafel „70 Jahre später“. Also heute. Was tut sich heute auf diesem einstigen Schlachtfeld? Sind die Gespenster von damals verschwunden?
Sind sie nicht. Heute verfangen sich ineinnader der Neonazismus, der Antifaschismus, der Rassismus, das Business, die Medien in Form aufgedrehter, besserwisserischer Talkshows oder eines direkt integer erscheinenden, einzelnen Video-Journalisten, der seinem Sender zufälligerweise aufregendes Material aus Prittwitz zu liefern vermag. Die Polizei ist da und weiß nicht recht wo sie steht, ebenso der Verfassungsschutz, der sich in den von ihm infiltrierten und geführten Organisationen ständig auf die Füsse tritt, und dann gibt es ja auch noch die große Politik. Die zieht es vor in Bayern auf Jagd zu gehen, und das rechte Auge der Justiz ist zerquetscht.
Überhaupt Jagdgesellschaften, die suchen nicht unbedingt die Öffentlichkeit, ziehen lieber in der Abgeschiedenheit ihrer Jagdhütten die Fäden, wie Hanns Zischler, der hier überzeugender agiert als sonst (genau so wie Michael Gwisdeck oder Benno Fürmann als Sven, strammer Neonazi; wohl ein Verdienst der Regie).
Ebenso vermögen zu überzeugen Anna Brüggemann, Liv Lisa Fries und und… und die Hauptfigur, die die gesellschaftlichen Schlachtfelder durcheinanderwirbelt und selber auch gehörig im Kopf verdreht und malträtiert wird von den Neonazis, Jerry Hoffmann als Sebastian Klein, Erfolgsautor, afrikanischer Herkunft und deutsch sozialisiert. Da dauert es im Osten nicht lange, bis er ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowiert bekommt. Aber auch zwischen seiner schwangeren Freundin und seiner Ex ist er hin- und hergerissen.
Brüggemann lässt alte deutsche Männerträume wahr werden, in andere Länder einzumarschieren; gut wäre es allerdings, wenn die Akteure sich vorher ein bisschen kundig machen täten, welche Flagge so ein Land hat und wo es überhaupt liegt. Orientierung ist eben ein Problem in einem Land mit so widersprüchlichen Strömungen wie Deutschland und mit so einer furchtbaren Geschichte, die offenbar in stetem Zustand der Antiperistaltik sich befndet. Orientierung geistig, geschlechtlich (das machen zwei Hunde vor), symbolisch (da gibt’s es eine denkwürdige graphische Erfndung, die aussieht, wie ein Ermahnungsplakat einer kommunalen Abfallverwaltung, man solle Mülle in den Eimer werfen; die Interpreation dazu ist haarsträubend, natürlich gewollt haarsträubend, wie hier so einiges am Haar in die Länge gezogen wird, um das Haar sichtbar zu machen, auch was man aus Namen leicht für Abkürzungen herauslesen kann).
Brüggemann exdplodiert jetzt förmlich nach seinem hochkonzentrierten „Kreuzweg“ (in dem er radikal die Arbeit mit Schauspielern trainiert hat), lässt die Heutewelt gnadenlos einfahren und zusammenrasseln, eine Explosion zumindest im geförderten, deutschen Kino mit einem prima zusammengestellten und erstklassig geführten Cast. So macht Zuschauen Spaß. Auch wenn man nach dem Bildersturm erst mal verschnaufen muss. Hier gewinnt ein Regietalent entscheidend an Fahrt. Hier wächst einer über das Pfründenkino hinaus – und die Schauspieler mit ihm oder das deutsche Kino mit ihm. Einfach mal die Sau rauslassen. Ist ja nicht anders als wie bei Jagdgesellschaften.
Die weißen Rassisten, also die Neonazis, haben Bildungslücken, sie schreiben „White Bauer“. Bitte. Über sowas macht man keine Scherze. Brüggemann treibt seinen Scherz, gallig. Mit allem und jedem, Talkrunde unter Beteiligung vom Gröfaz bis zur Kuschelpädagogin und zum 100Prozenter und natürlich einem Experten und sogar ein Brüggemann-Double darf nicht fehlen.
Regenstauf Business School.
Die schwangere Freundin mit dem Duftatelier.
Sebastian in der Nachplapper-Phase.
Die ungezügelten deutschen Gegenwartsgeister dürfen auch wieder Panzer fahren und blühen auf dabei.