Freistatt

Ein Film, der deutlich den Ambitionen und dem Anspruch des Presseheftes hinterherhinkt.
Der Regisseur Marc Brummund schreibt dort, ihn habe „der Kontrast zwischen der sexuellen Revolution und Liberalisierung Ende der 60er Jahre“ und „der stehen gebliebenen Zeit in einem solch geschlossenen System“ wie der kirchlichen Fürsorgeanstalt „Freistatt“ interessiert – oder auch „uns hat die unerhörte Gleichzeitigkeit fasziniert. Auf der einen Seite eine Gesellschaft, die zwischen Rock’n Roll und Studentenrevolte schier unbändig nach Freiheit zu streben scheint, auf der anderen Seite die Fortschreibung eines institutionalisierten … Missbrauchs in Erziehungsheimen und Institutionen“. Im Film fehlt der Kontrast, nämlich die sexuelle Revolution.

Die Hauptfigur im Film ist Wolfgang. Sein historisches Vorbild ist Wolfgang Rosenkötter. Mit ihm habe sich der Regisseur viele Stunden lang unterhalten und dessen Geschichte aufgezeichnet. Ein Auszug aus diesem Protokoll steht ebenfalls im Presseheft. Dabei wird deutlich, dass die lebendige Schilderung von Rosenkötter einen spannenden Film hätte abgeben können mit sehr präzisen Vorgängen und Dialogen.

Im Film wirkt allerdings alles unscharf: die Kamera, die Erzähltechnik, die Figurzeichnung und auch alles, was an konkreten Vorgängen vorkommt. Als ob Marc Brummund, der mit Nicole Armbruster auch das Drehbuch geschrieben hat, hinschaue und doch nicht richtig hinschauen wolle, als ob es ihm unerträglich schiene, genau hinzuschauen.

Er verliebt sich bildnerisch in die Loren auf Schienen, die mit einem Pumpmechanismus fortbewegt werden. Das ist pittoresk. Diese Loren voller junger Burschen, die sich durch das Moor und leichtes Waldgelände bewegen. Pfadfinderromantik pur. Nicht weniger gemäldehaft die malerische Landschaft, die bei Fluchtversuchen durchquert wird.

Ein Themenfilm. Typisch deutsches Fernsehen. Da stürzen sich die Redaktionen direkt drauf, wenn es in Deutschland etwas aufzuarbeiten gibt. Da fließen die Gebührengelder unbesehen. Die lesen nur: Missbrauch, Kirche, Erziehungsheim, Institution und dann noch „nach einer Originalgeschichte“ und schon gibt es kein Halten mehr für die Zwangsgebührengelder, ohne dass der Gebührenzahler ein Wort mitreden kann. Der zappt dann einfach weg, wenn der Film irgendwann nach dem Flop im Kino im Spätprogramm von SWR, WDR, SR, NDR und Arte versendet wird. Und auch die Förderer MFG, DFF, B&K, FFHSH, FFA, Nordmedia sind an ihrem Gewissenszipfel gepackt worden.

Bei all dem Unscharf in diesem Film ist erkennbar lediglich, dass er unter Verzicht auf jegliche dramaturgische Spannung eine Liste der Grausamkeiten, die da vorgekommen sind, abarbeitet und zwischendrin zum Abfedern humanitäre Gesten einbaut.

Wolfgang wird aus geringfügigem Anlass von seinem Stiefvater in das Heim abgeschoben. Die Grausamkeiten werden immer kurz vorm Schnitt abgehandelt, Geschlechtsteile zu zeigen ist tabu; spielt ja auch keine Rolle oder Striemen von den Peitschenhieben. Ok, muss nicht sein.

Der Look der Filmes versucht, einen Super-8-Eindruck aus den 60ern zu erwecken. Grausamkeiten: die dünne Suppe, Scheiße fressen, Schwanzmisshandlung (weggeschummelt), Torfstechen mit blutigen Füßen, Fluchtversuche (mit dazwischen geschnittem Vogelflug), das böse Töchterchen vom Direktor, einer wichst nachts zum Foto von Wolfgangs Mutter, der Direktor frisst den Kuchen von Wolfgangs Mutter, Tomatenklau, Brief an Mutti muss vor allen vorgelesen werden, Rebellionsversuche und lebendig Begrabenwerden.

Die Bösen spielen so, als hätten sie kein plausibles Motiv und keine Überzeugung dazu. Und irgendwann ist plötzlich Weihnachten.

Kino als Gewissensberuhigungsakt von Fernsehredaktionen und Filmförderern. Sie glauben, etwas zu tun zur Aufarbeitung vergangenen Unrechts. Aber sie tun nichts für ein aufregendes Kino. Was ist schlimmer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.