Dior und Ich

Das größte Verdienst des Autors und Regisseurs dieses Dokumentarfilmes, Frédéric Tcheng, dürfte es gewesen sein, das Vertrauen der portraitierten Person, des öffentlichkeitsscheuen Raf Simons, gewonnen zu haben.

Der Modedesigner Raf Simons wechselt im Frühjahr 2012 vom Prêt-à-Porter Label „Jil Sanders“ zur Haute-Couture nach Paris, zu Dior. Innert acht Wochen muss er die erste Kollektion stemmen.

Der Dokumentarist hatte offenbar freie Hand in dieser Zeit, darf nah an Raf ran; der scheint sich nie an der Kamera zu stören. Volles Vertrauen ist da Voraussetzung.

Was macht Tcheng aus diesem Privileg? Leider verschenkt er die Chance, einen faszinierenden Einblick in die Vorgänge hinter den Kulissen einer solchen Firma als spannendes Kino zu geben. Was er aus Originalmaterial aus den Zeiten des Gründers des Hauses, Christian Dior, und aus der Vorbereitung inklusive selbstverständlich der Premiere der Kollektion zusammenschneidet, ist mehr Guckloch-TV denn ein Kino, was einer Dior-Kollektion würdig wäre.

Richtig anrührend ist allerdings der große Moment der Show, wie Raf die Tränen nicht mehr zurückhalten kann hinter der Bühne. Da beweist er nochmal, was für ein emotionaler Mensch er ist, wie er ein Träumer ist, der überwältigt ist, wenn seine Vorstellungen Modenschau-Wirklichkeit werden.

Sie werden in einem durch und durch mit Wandverkleidungen aus frischen Schnittblumen ausstaffierten alten Pariser Stadtpalais realisiert. Die Models selber stecken wie kostbare Blumen in den Kostümen, die eine Mischung aus Original-Dior und zeitgemäßer Jugendlichkeit sind, teils mit Stoffen und Stickereien, zu denen sich Raf von Gemälden inspirieren lässt oder die er gleich kopiert, ich nehme an das mit den Rechten wird er geregelt haben. Die Stoffproduzenten hat er damit vor ungeahnte Probleme gestellt.

Es gibt genügend Einblicke in die Ateliers des Modelabels. Dior hat noch zwei davon; vor allem deren Chefinnen gewinnen Kontur im Film. Auch Rafs rechte Hand Pieter aus Belgien.

Das alte Lied, ein hochspannendes Objekt, das recht beliebig, immerhin in der Reihenfolge der Entwicklung der Kollektion und der sich steigernden Nervosität auf den Zeitpunkt der Präsentation hin gestrickt ist.

Ein Frederick Wiseman (National Gallery) hätte sich vielleicht auf ein, zwei Kostüm-Entwürfe konzentriert, den Weg vom Entwurf bis zum Gang über den Laufsteg dafür haargenau dokumentiert und so ein greifbares Gesamtbild eines solchen Betriebes entworfen.

Während hier doch der Klatschblattstellenwert dominiert. Bemerkenswert: es scheint dass der Vater von Raf eine gewisse Ähnlichkeit mit Christian Dior hat.

Einmal ist Raf ärgerlich, wie 10 Probekostüme erstmals gezeigt werden sollen, sind die nicht da. Die Chefin des Ateliers musste dringend zu einer Kundin nach New York. Dafür hat Raf nun grad gar kein Verständnis. Aber die Geschäftsführerin sagt, nicht in seiner Gegenwart, dass eine Kundin, die im Jahr für 330 000 Euro Kleider kauft, eben auch gewisse Ansprüche habe. Da wird Raf ganz trotzig. Er sei auch wichtig. Finden wir auch.

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