Das Märchen der Märchen – Il Racconto dei Racconti (Filmfest München)

Der Film zum Queen-Besuch.
Genese und Erhalt des Adelstandes und von damit verbundener politischer Macht als eines brutal usurpatorischen Vorganges im Zusammenwirken mit dunklen Mächten.
Das erzählt uns Matteo Garrone, der mit Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Massimo Taudioso auch das Buch nach der Märchensammlung von Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert geschrieben hat. Der Film ist vielleicht nicht ganz so auf lustvollen Konsum aus, nicht ganz so geschmeidig und wohllüstig gemacht wie der Decamerone von Pasolini, dieser hier wirkt eher lustvoll-hinterlistig-bösartig im Sinne eines Röntgenbildes von Machtmenschen, des Adels im Besonderen.

Sich fortzupflanzen und die Familie und die Macht erhalten, das ist eine der vornehmsten und wie wir hier erfahren werden, auch dreckigsten Pflichten des Adels. Mit so einer Szene fängt die erste der drei ineinander erzählten Geschichten an. Gaukler unterhalten den Hof mit Kapriolen, die zufälligerweise auch eine Szene mit einer Frau haben, die plötzlich als Schwangere geoutet wird. Das erträgt die Königin, die die ganze Zeit nur starr und stier zugeschaut hat, gar nicht. Nicht einmal kommt ein Lachen über ihr Gesicht. Nach dem Schwangerenouting verlässt sie aufgebracht die Vorstellung, denn sie kann offenbar ihrer elementarsten Aufgabe, schwanger zu werden und das Königsgeschlecht fortzupflanzen, nicht nachkommen. Der König geht ihr besorgt nach.

Da taucht in Mönchskutte ein Orakelmann mit großer Ähnlichkeit zum Gevatter Tod und gibt den dunklen Rat: wenn der König im Meer ein Ungeheuer erledige, diesem das Herz herausreiße, es von einer jungfräulichen Magd kochen lasse und seine Gattin dieses esse, so sei sie vom Moment an hochschwanger. Das ist denn genau auch die Inhaltsangabe der nächsten Szenenfolge.

Der König steigt in einen Taucheranzug, wie es ihn wohl schon im 17. Jahrhundert gegeben hat, taucht ab, kämpft. Das Orakel hat allerdings auch zu bedenken gegeben, dass für jedes neue Leben ein altes gehen müsse. Also stirbt der König, kaum an Land. Nach den weiteren Prodzeduren, die Garrone in ganz klarer, ausführlicher Bilderbuchkinoschrift, die auch viel Wert auf Ausstattung legt, erzählt, ist bald schon das Büblein auf der Welt. Nicht zu übersehen ist allerdings, dass auch die jungfräuliche Magd, die das Herz kochte, plötzlich einen dicken Bauch hat.

Bei so okkulten Rezepten kann auch mal was schief gehen. Der Film lässt die nächsten 16 Jahre aus. Springt zu zwei fast identisch aussehenden Freunden, Blondschöpfe, zierlich und edel. Es ist der Königssohn Elias und sein Pendant von der Magd, Jonah, die sich dick angefreundet haben. Das sieht die Mutter gar nicht gern. Die Macht des Schicksals oder der Versuch der menschlichen Macht gegen die Macht des Schicksals anzukämpfen wird hier ein weiteres Beispiel erleben.

Inzwischen hat Garrone auch die anderen beiden Königsgeschichten in seinen Film eingefädelt. Jede spielt auf einem extrem abgehobenen Schloss. Location ist alles und wurde sorgfältig gesucht. Eines sieht aus wie eine Zitadelle, ein anderes wie das Schloss von Graf Dracula.

In der zweiten Geschichte spielt ein Floh die entscheidende Rolle. Er springt auf des Herrschers Hände während einer Gesangsdarbietung am Hofe. Der Herrscher, dem Blute zugeneigt, fängt diesen Floh und lässt ihn an einem Blutstropfen seines Fingers saugen. Der Floh wird ein großes Ungeheuer, bis zu seiner Erkrankung und Tod. Die Tochter Violeta möchte heiraten. Aber beim Adel geht das nach dem Herrscherwort und nicht nach Gefühlslage. Ausgerechnet ein Oger, der in jedem Raum, den er betritt, erst tief schnieft und die Gerüche filtriert, ist derjenige, der die ausgebuffte Kandidatenfrage beantworten kann. Hier wird es darum gehen, dass Violeta sich aus seinen Fängen befreit.

In der dritten Geschichte ist der Herrscher ein Lüstling, lässt keine Orgie, keine Frau aus, wird ganz geil, wenn er nur schon eine Frauenstimme singen hört, pocht an die bescheidene Hütte. Aber Dora und Imma sind alte runzlige Weiber und lassen den Herrscher erst gar nicht rein, später darf er an einem Fingerchen, das durch ein Loch in der Tür gesteckt wird, sich erregen und den Beischlaf gestattet ihm Dora nur, wenn er nächtens und ohne Licht in seinem Bette stattfindet. Der Herrscher hält sich nicht daran und nachdem er seines Amtes gewaltet hat, juckt ihn die Neugier. Die Folgen sind katastrophal und horribel und es bedarf grausamst blutig-schmerzhafter Mittel, bis Dora endlich auf dem Thron sitzt (hier wäre ein aktueller Querverweis zu Schönheitsoperationen angebracht). Man könnte jetzt 1001 Nächte weiter erzählen, die Geschichten weiterspinnen. Aber ein Kinofilm sollte nicht allzulang sein. Drum schnürt Garrone nach etwa zwei originellen, grausamen Stunden den Geschichtensack recht unvermittelt zu. Über allem lässt er einen Seiltänzer auf einem brennenden Seil spazieren.

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