Christoph Hochhäuslers Ambition ist pompös zu nennen.
Er möchte nichts weniger als die Wahrheit über das Funktionieren unserer Gesellschaft nebst Aufdeckung nicht erkannter Lügen auf die Leinwand bringen. Er möchte einen Satz von Lawrence Ferlinghetti, einem amerikanischen Dichter der Beat-Generation, filmisch illustrieren, filmisch Wahrheit werden lassen. Dazu dürften zwei Stunden nicht ausreichen.
Denn auf der Leinwand sollte sich womöglich, um den Zuschauer bei der Stange zu halten, auch eine Story ergeben, an deren Leitfaden er zu dieser Wahrheit vordringen kann, für welche Hochhäusler uns angeblich die Augen öffnen möchte.
Schon der Einstieg ist fatal. Es ist Morgen. Ein junger Mann liegt im Bett, steht auf, geht duschen, setzt sich nackt an den Computer und zeigt dabei kurz, dass er mächtig bestückt ist. Hm. Er hat einen Hamster und nicht wie Alain Delon als der Kalte Engel einen Kanarienvogel. Wir wissen gar nichts über diesen jungen Mann. Wir wissen nichts über seine Ziele, nichts über seinen Charakter, über eventuelle Konflikte. Das interessiert Hochhäusler nicht, der wie schon beim ebenfalls verwirrenden Vorgängerfilm Unter dir die Stadt mit Ulrich Peltzer das Drehbuch geschrieben hat.
Hochhäusler interessiert sich für das große Ganze der Republik, ihre Mechanismen und nicht für Einzelschicksale. Insofern hat es der begabte Florian David Fitz auch schwer, mehr aus seiner Figur Fabian Groys zu machen, als was Hochhäusler in sie hineingeschrieben hat, wenn er sich doch gar nicht für die Figur interessiert.
Hochhäusler interessiert sich für eine Gruppe von Menschen, die in einem U-Bahnschacht französisch sprechend um Geld spielen und ganz offensichtlich ist Fabian ein Spieler. Hochhäusler interessiert sich für einen Lobbyisten im Bundestag, der extra gecoacht wird, wie er einen Minister bei der Gesetzgebung bezüglich chemischer Gefahrenstoffrichtlinien beeinflussen soll.
Hochhäusler interessiert sich für die Redaktion einer Zeitschrift, die sich „Die Woche“ nennt, eine Art Hebdommadaire, die ihren Hauptsitz in Hamburg hat und eine Hauptstadtredaktion in Berlin. Nach einiger Zeit im Film erfahren wir auch, dass Fabian dort Redakteur ist. Und auch, dass er die Hintergründe eines merkwürdigen Unfalles recherchiert.
Ein Afghanistan-Veteran ist in einem Zoo in die Löwengrube gesprungen. Er hatte nach seiner Militärzeit in einem Recyclingwerk in Gelsenkirchen gearbeitet. Das ist höchst dubios und hängt irgendwie mit den Leuten, die den Lobbyisten coachen zusammen. Ist aber schwierig eruierbar, weil die Firma ständig den Namen wechelt.
Zwischen den Szenen, die so tupfenweise aneinandergereiht werden, frönt Hochhäusler noch seiner Passion der Architekturfotografie und schwelgt in Impressionen.
Auch eine Liebesgeschichte mit einer Assistentin muss in so einen Film, muss neben der ganzen Welterklärung noch Platz haben.
Ferner muss auch Fabian überwacht werden auf Schritt und Tritt und sein Computer muss verseucht sein.
Und dann ist da noch eine Frau, die ein falsches Spiel spielt. Die Leiche des vermutlich verseuchten Afghanistan-Veteran sei exhumiert und verbrannt worden. Spurenverwischung.
Hochhäusler glaubt wohl, mit dem Vergeheimnissen von Vorgängen und Zusammenhängen Spannung zu schaffen. Leider geht das Rezept nicht auf. Er scheint ein gutes Auge für Details von Szenen zu haben, die vermeintlich bundesrepublikanischen Alltag schildern, aber den Überblick über das Ganze und auch über die Story, den verliert er dabei.
Es kommt ja auch noch Fechten vor. Und die Fernsehschlagzeile, dass in Griechenland der staatliche Rundfunk geschlossen worden sei. Das ist längst überholt. Und übers Wrestling geht’s einmal und da wird dem Zuschauer vermittelt, dass es da Leute gibt, die extra die Storyline für einen Showkampf schreiben. Auch im redaktionellen Umfeld taucht die Frage nach dem Storytelling auf. Ein Bewusstsein dafür, dass ihm selbst da einiges abgeht, scheint Hochhäusler auf jeden Fall zu haben.
Letztlich sind das aber Filme für arte und ZDF oder wer auch immer Geld hineingepumpt hat. Sind typisch Filme, die wohl mit einem guten Begleitwort zum Drehbuch eingereicht werden, deren Autoren siebengscheit darüber schreiben, was der Filme alles bezwecke und sei, so ungefähr wie der Lobbyist dem Gesetzgeber den Sinn einer Vorschrift einhaucht und so hauchen der beredte und sicher gscheit schreibende Hochhäusler den Förderern Intellektuellen-Aura um den verwirrten Kopf, es ist wieder eine ganze Menge, die nicht merken, dass mit solchen Filmen eine förderungswürdige Filmkultur nicht entstehen kann, denn nachher versteht es wieder niemand und auch keiner schaut es sich an, außer Gremien, die dafür vermutlich noch bezahlt werden und sich keine Blöße geben wollen und den Film allein aus diesem Grund super finden.