Agnieszka hat ein Narbe an der linken Oberlippe. Nicht skandalös groß, nicht entstellend, aber doch so, dass in manchen Einstellungen der Gedanke durch den Kopf huscht, ob die jetzt geschminkt sei oder echt. Das ist nur ein Detail, an dem sich die Sorgfalt von Tomasz Emil Rudzik, dem Autor und Regisseur dieses Filmes, und seinem Team zeigt.
Die Narbe tut der Schönheit von und der Faszination durch Karolina Gorczyca, die Agnieszka darstellt, nicht den geringsten Abbruch. Die Narbe ist der Hinweis auf eine Vergangenheit, die in Agnieszka fortwirkt, von der wir aber so gut wir gar nichts erfahren im Film. Er fängt dort an, wo sie diese Vergangenheit hinter sich lässt.
Agniszka wird aus einem polnischen Gefängnis entlassen. Ein langer Weg von mächtig kinematographischem Sog in die Freiheit, die keine Freiheit ist. Am liebsten würde sie gleich zurück in den Knast. Doch auch der Weg ist verbaut.
Um die Vergangenheit hinter sich zu lassen, muss sie diese nochmals aufsuchen. Denn dort hat sie Geld versteckt. Dieses ist weg. Es ist noch ein kleiner Bruder da, der für das Verschwinden zuständig ist, und Figuren in einem wenig Vertrauen erweckenden Milieu. Etwas Geld kann sie loseisen.
Ab in den nächsten Bus nach Deutschland. Agnieszka spricht Deutsch. Das muss sie auch in ihrer unbekannten Vergangenheit gelernt haben. Der erstbeste Bus, der fährt nach München. Hier landet Agnieszka, hier schlägt sie sich durch. Sie gerät in die gefrässige Maschinerie und in die Abhängigkeit des Geldverdienens. Sie gerät an „Madame“, wie alle sie nennen, Hildegard Schmahl ganz sphinxhaft, die ein etwas gehobeneres Geschäft der Zuhälterei betreibt. Ihre Mädchen können von Herren für Sadomaso-Spiele gebucht werden nach strengem Kodex: keine Berührungen (Schläge mit Handtuch, das geht), kein Striptease.
Eigentlich eine recht angenehme Aufgabe und sauber dazu. Spezialisiert sind sie auf Ballbusting, sie treten ihren Freiern in die Eier, ein Geschäft, was offenbar ganz gut geht in München. Die Stadt wird konsequent aus der Perspektive und den lebensumstandsbedingten Abläufen, denen Agnieszka unterliegt, gefilmt und gewinnt mit der coolen Kamera von Sorin Dorian Draghoi immer wieder unverhoffte Perspektiven der Immigration und der Gentrifizierung.
Mit dem Geld, was sie verdient, hat Agnieszka noch keine Freiheit gewonnen. Gegen das Element des Zwangs zum Geldverdienen und wirtschaftlichen Überleben flicht Rudzik einen rührenden, sentimentalen Geschichtsstrang ein, der über die Sympathie zu einem Köter im Tierheim die Liebe zu einem jungen Rollerfahrer und Tierpfleger, Lorenzo Medis als Manuel, weckt, der dem seelischen Überleben dient. Rührend sind ihre Empathie und ihre Gefühle zum kleinen Hund hinter Gittern, rührend auch das Skypen mit ihrem kleinen Bruder in Polen, dem sie in einen Teddy eingenäht Geld schickt. Das Rührende hier mehr der Balance der Geschichte denn der exakten Beobachtung der Menschen geschuldet.
Dieser Strang menschlicher, nur allzumenschlicher Gefühle kollidiert mit den Bedingungen des Gelderwerbes. Denn Madame muss wegen der Diskretion und der Exklusivität des Geschäftes alles im Griff haben, sie praktiziert eine Art totaler Überwachung. Deshalb darf Agnieszka nur von Jacek, Jörg Witte, dem Sohn von Madame, zu den Dates kutschiert werden und wird dort auch wieder von ihm abgeholt mit einem alten, beigen Taximercedes. Wenn man diesen Sohn anschaut, kann man sich einiges über die Mutter denken.
Wie Agnieszka diese Regel einmal verletzt, wird sie hart bestraft dafür, wird von Madame verratzt und verraten, einem Kunden mit anderen Bedürnissen ausgeliefert. Die Kunden sind erbarmungswürdige Kreaturen, hinter deren Geheimnis der Film gar nicht erst kommen will. Sie leben in einer perfekt inszenierten Welt, hinter einer bürgerlichen Fassade. So eine kann in Gefahr geraten, einzustürzen, wenn ein Mädchen wegen menschlicher Gefühle das Verbot von Besuchen außerhalb der Geschäftsvereinbarung verletzt oder wenn Agnieszka sich von Manuel als Sozia auf seinem Roller zum Job fahren lässt. Das kann nicht ohne Folgen bleiben.
Der Film von Rudzik besticht durch das ausgeklügelte Game der verschiedenen Interessen, die sich um Agnieszka ins Gehege kommen, durch ihre Verschlossenheit, durch ausgezeichnete Schauspielerführung und eine Kamera, die das sieht, was zum Verständnis der Geschichte wichig ist. Rudzik hat den Nerv, die Figuren Konfliktsituationen aushalten zu lassen und schafft es so, den Zuschauer eine Spielfilmlänge lang zu vereinnahmen. Was aber hat es mit der Eulen-Regel auf sich?