Kind 44

Dieser Film von Daniel Espinosa (Safe House nach einem Drehbuch von Richard Price nach dem Thriller von Tom Rob Smith evoziert düster und beklemmend die Sowjetatmosphäre aus der Zeit des Kalten Krieges anhand der Geschichte von Leo Demidov, Tom Hardy (zuletzt als Mad Max), mit Waisenhauskindheit und nicht ganz sauberer Vergangenheit bis zum Kriegsende; dort sollte er als erster die sowjetische Fahne hissen, musste dafür aber die vielen Uhren, die er toten Soldaten abgenommen hatte, vom Handgelenk entfernen; ein Charakter mit Fehlern als Held.

In der Stalin-Sowjetunion macht Leo nach dem Krieg eine kleine Karriere, er der Kriegsheld, beim Geheimdienst MGD. Er wird mit Kindstoden konfrontiert, die auf Mord schließen lassen. Aber: im Paradies gibt es keinen Mord, so die offizielle Ideologie.

Leo gerät in Konflikt zwischen Wahrheit und Ideologie und wird, da er auf der Seite der Wahrheit steht, mit seiner Frau Raisa, Noomi Rapace, in die ferne Provinz verbannt. Er hätte es leichter haben können, wenn er seine Frau bezichtigt und verraten hätte. Aber die Liebe zu der vorgeblich Schwangeren siegte.

Sie als Lehrerin muss an der Schule Putzdienste leisten; er wird in seiner Funktion herabgestuft; ein Drecksloch wird ihnen als Wohnung zur Verfügung gestellt. Aber wieder wird Leo mit toten Jungen entlang der Bahnlinie konfrontiert. Es gibt inzwischen Dutzende. Und immer wird ein Schuldiger verurteilt. Trotzdem geht die Mordserie weiter. Die Toten weisen alle die exakt gleichen, professionellen Tötmerkmale auf.

Jetzt zeigt der Film, wie offenbar noch im grausamsten, mörderischen System die Wahrheit nicht ganz chancenlos ist, bei allen Gespinsten von Verrat, Unterdrückung und Kontrolle und mit soliden detektivischen Mitteln und etwas Zivilcourage.

Ein schönes Beispiel für Kontrolle in so einem System gibt es in Moskau. Wie Leo und Raisa mit wohlwollender Duldung seines Chefs aus ihrer Verbannung heraus einen Trip nach Moskau zwecks Quellenforschung unternehmen. Dort wird durch eine Art Betriebsunfall klar, dass sie vor Ort sein müssen, der Bahnhof wird streng von Uniformierten kontrolliert. Aber der aufmerksamen Lehrerin Raisa entgeht nicht, dass es mindestens einen Offizier gibt, der nicht lesen kann. Der lässt sie und ihren Mann denn auch nach einem leeren Blick in die Papiere ungeniert passieren.

Trotzdem bleibt die Staatsmacht den beiden auf der Spur. Das führt zu Actionszenen in der Eisenbahn, heftig und blutig und später auch am Ort, wo sie den mutmaßlichen Massenmörder ausfindig zu machen glauben.

Dass es auf dem Wege zum Countdown noch zu einer minutenlangen Schlammschlacht kommen muss, das ist vielleicht eine Idee zu viel des Plastischen in diesem leicht und stringent inszenierten Thriller mit hervorragenden und hervorragend geführten und somit glaubwürdigen Darstellern; die Farbgebung einer grauen Sowjetunion angemessen, die Musik eher im Hintergrund weder drauf drückend auf die Szenen noch sie kommentierend. Exzellent besetztes Ensemble. Auch die deutsche Synchronisation ist sorgfältig und trägt ihren Teil zur düsteren, misstrauischen Stimmung bei, die eine Illustration zum Thema Vergiftung der Herzen abgibt.

Bei der systemischen Entmenschlichung, wie sie hier gezeigt wird, kann es einem kalt den Rücken runterlaufen.

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