Nicht alles schlucken – Ein Film über Krisen und Psychopharmaka

Was verbindet das Kino mit der Psychiatrie? Die Leinwand, die Haut, die Oberfläche, die mit der Seele kommuniziert – oder schlicht das Interesse für den Menschen, für das Gegenüber?

Das ist nicht die Frage, die sich in diesem Film von Jana Kalms in Co-Regie mit Piet Stolz und Sebastian Winkels stellt. Das ist die Frage, die ich mir stelle bei der Verwunderung darüber, wie spannend und ruhig dieser Film gemacht ist, wie überhaupt nicht fernsehversaut.

Er berichtet von einer zum Zwecke der Dokumentation arrangierten Begegnung von psychiatrieerfahrenen Menschen in einem beinah abstrakten Raum, zu dem es eine Tür gibt, Fenster sind nicht zu sehen, die Wände mit kaum Struktur und der Boden sind in einem neutralen Grau mit kaum farblichem Einschlag gehalten ohne Ablenkungswirkung.

In einem Kreis stehen einfache Klappsessel ohne Handlehnen, schlichtes Design. Hier treffen sich in drei Sitzungen an die 20 Menschen, solche, die unter Psychosen leiden oder gelitten haben und Medikamente nehmen oder sich davon befreit haben, und Angehörige, Krankenpfleger, Nervenärzte, Psychotherapeuten und -analytiker.

Das Arrangement nennt sich Trialogforum. Solche Orte der Begegnung gibt es in mehr als 120 deutschen Städten. Der Austausch scheint sehr offen zu sein, auch die Bereitschaft zuzuhören. Patienten erzählen von den Beengungen, die sie angesichtes chronischer Medikamenteneinnahme empfinden, wie sie loskommen wollen davon, wie sie Angst davor haben, ohne Medikamente anfälliger für Psychosen zu werden.

Von der behandelnden Seite her ist zu hören, dass es besonders im Klinikbetrieb Situationen gibt, wo nur Ruhigstellung und Medikamenteninjektion helfen. Auch für die Ärzte kann das eine extreme Belastung sein. Das halten nicht alle aus. Andererseits können sie von den Pflegern lernen, dass je mehr sie auf die Patienten eingehen, desto geringere Medikamentendosierung nötig wird. Der Patient will als Mensch wahrgenommen werden will und just das hilft ihm.

Schon zwei Tropfen eines Medikamentes können die Wahrnehmung extrem verändern, gerade bei einem Menschen, dem ständig so viel durch den Kopf geht. Es braucht Mut, sich von den Medikamenten lösen zu können. Über die Macht der Medikamente und das Problem, dass sie nicht heilen und das bedrückende Gefühl der verschreibenden Ärzte. Aber es gibt auch Patienten, die der Umgebung das Leben schwer machen; das kann bis zur physischen Bedrohung durch Patienten gehen. Kranke können ihre nähere Umgebung mit reinziehen.

Angenehm an dieser Dokumentation ist der Verzicht auf erklärende Texttafeln, die Schubladen wie Beruf und Funktion und Namen der Personen aufzeigen. Die Namen kommen lediglich im Abspann vor. Anfangs weiß man in der Runde gar nicht, wer ist Patient, wer Arzt, wer Pfleger, wer Angehöriger; das ist durchaus reizvoll. Einige Beziehungen kristallisieren sich allmählich heraus.

Wie hochsensibel so ein Nervengerüst sein kann, macht das Beispiel eines Patienten klar, der sich von Fremdkörpern angegriffen fühlt. Der Arzt ersann die List von dem Gift zu deren Vernichtung, gab dem Patienten eine geringe Dosis davon; die Wirkung sei frappierend gewesen. Dann macht ein Oberarzt in einer Behandlungsrunde den dummen Fehler, von Schizophrenie zu sprechen, worauf der Patient nimmer mehr gesehen ward, bis er irgendwo obdachlos aufgefunden worden sei.

Es geht um Sensibilitäten, die aufzuzeigen die Leinwand ein ausgezeichneter Ort ist, wobei das unspektakuläre Äußere diese frappierend real macht.

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