Das Zimmermädchen Lynn

Dieser Film von Ingo Haeb fällt schon durch seine Fotografie auf. Sie arbeitet mehr wie eine Still-Fotografie. Sie hebt die Darsteller physisch hervor, indem sie als Hintergrund ruhige, meist monchrome Flächen und Gradlinigkeit bevorzugt, wodurch den Darstellern ein graphischer Rahmen gegeben wird, eine pointierte Hervorhebung des Dargestellten bewirkend, diese ein Stück weit in einen Experimentierraum verweisend.

Auch inhaltlich fällt der Film zumindest innerhalb der Produktionen des Pfründenlandes insofern positiv auf, als er im Zentrum seines Interesses eine Person hat, eine geheimnisvolle Frau, Vicky Krieps als Lynn. Was genau es mit ihr auf sich hat, werden wir allerdings auch bis zum Schluss nicht erfahren. Sie hat einen freiwilligen Aufenthalt in der Psychiatrie hinter sich.

Ein Faden der Geschichte, der immer wieder aufblitzt, ist ein Gespräch mit einem unsichtbaren Psychiater, eventuell noch als rätselhafter Hinweis ihre Erzählung von der Meermuschel, in der sie Rauschen des Meeres hörte, ein Effekt, den sie auch bei einem geleerten Glas Wasser festgestellt haben will.

Sie führt telefonische Gespräche mit ihrer Mutter, ist Single und arbeitet als Zimmermädchen im Hotel Eden in einer unbekannten, deutschen Stadt. Sie ist eine hervorragende Putzkraft, putzt selbst Zimmer, die nicht benutzt wurden, denn Staub sammle sich immer.

Tiefer blicken lässt eine andere Eigenschaft von ihr. Sie interessiert sich für Intimes der Gäste, riecht an Rückbleibseln oder zieht sich gar das Negligé eines Hotelgastes an. Eines Tages legt sie sich sogar unter das Bett eines Gastes, bekommt die Gespräche mit dessen Frau mit; das wird noch getoppt durch eine Szene, in der sie so den Besuch eines Call-Girles inkognito miterlebt.

Das sind bannende Aufnahmen, wenn sie klaustrophobisch unterm Bett liegt, während darüber die Begegnung zwischen Gast und Dame stattfindet. Sie treibt es noch weiter, notiert sich, während der Gast im Bad ist, die Telefonnumer der Dame und bestellt diese zu sich nach Hause.

Zwischen Lynn und dem Call-Girl entwickelt sich eine Beziehung mit Sado-Maso-Einschlag. Lynn will mit der Blondine in Urlaub fahren. Das begründet eine surreale Traumsequenz, wie sie mit ihrer Partnerin auf dem Bett durch die Gegend bis ans Meer fährt.

Lynn selbst behauptet am Schluss bei einem Gespräch mit der Mutter, sie habe sich verändert. Das scheint mir aber das Problem bei diesem Film, dass er nicht über das Portrait einer verschlossenen, verwunderlichen jungen Frau hinauskommt. So weit durchaus faszinierend. Leider ist die Handlung nicht so, dass sich Situationen ergeben, in denen es zu Konflikten kommt, in denen sie mehr von sich offenbaren müsste, in denen eine Story zustande käme; in der sie sich wirklich als handelnde Person und Charakter dem Zuschauer eröffnen würde.

So bleiben die Begegnungen mit Chiara zwar schön gespielt, man denkt momentweise an den aufregenden Film Blau ist eine warme Farbe, geht aber nicht so weit, so tief.

Schön sind immer auch die Szenen, wenn Lynn inneren Monolog führt, wenn sie vor ihrem Tagebuch oder Tagesplan sitzt und auf dem Laptop Filme laufen hat. Den wird sie später allerdings an eine Kollegin verscherbeln, um sich eine weitere Sitzung mit Chiara leisten zu können. Der Sex mit ihrem Chef. Erscheint wie eine fruchtlose These.

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