Das gute Leben – La buena Vida

Diese Dokumentation von Jens Schanze zeigt nebst dem schmerzhaften Zusammenhang zwischen dem Gewinnstreben der Aktionäre von Glencore, der dadurch bedingten Zwangsumsiedlung und Lebensverschlechterung eines indianischen Dorfes aus Kolumbien und unserer gedankenlosen Licht-Ein-Schalterbetätigung, also unserem Stromverbrauch, ganz nebenbei auch, dass solche Filme von enormer Wichtigkeit sind und es wohl noch lange bleiben werden und dass sie durchaus Dinge bewirken können: vor Jahren wäre so ein Film, so subtil auf so präzisem Kritikgrad kaum denkbar gewesen.

Michael Moore konnte sorglos Bashing der Multis betreiben. Dass es heute für die Firmen verstärkt Governance-Richtlinien gibt, ist solchen Aktivisten zu verdanken. Und dass es die Richtlinien gibt, das wird im Film auch deutlich sichtbar bei der Zeremonie vor Verlassen des alten Dorfes und dem Umzug ins neue, da verliest eine Funktionärin einen Text, aus dem hervorgeht, dass diese Richtlinien eingehalten worden seien, ein Protokoll.

Jens Schanzes Ausgangspunkt ist der Stromverbrauch in Deutschland und dass hier ständig neue Kohlekraftwerke gebaut werden, dass immer mehr Kohle verbrannt wird. Ein beachtlicher Teil davon wird von der Firma Glencore in einem der größten Tagbaugebieten der Welt, die Mine „El Cerrejón“ in Kolumbien abgebaut, nach Deutschland verschifft und hier verbrannt, denn die letzte Kohlezeche in Deutschland wird 2018 schließen. Glencore ist stolz, seinen Aktionären mitteilen zu können, dass sie an der ganzen Wertschöpfungskette der Kohle verdienen und dass hervorragende Geschäftsergebnisse vorliegen.

In Kolumbien im Gespräch mit den Indios, die dem gefräßigen Bergbau weichen sollen, hört sich das anders an: der Konzern sei, gut, nicht ganz bankrott, aber die Aktionäre, die pochen auf Gewinn und so könne der Konzern für die Umsiedlung nicht so viel bieten. Aktionärsinteresse gegen Entschädigungsinteresse der Umsiedler.

Immerhin gibt es Verhandlungen und mit Jairo Fuentes hat die Dorfgemeinschaft Tamaquito einen denkenden Menschen, der sich nicht alles bieten lässt, der aber auch keine Lust auf Terrorismus hat, wie die FARC ihn nach wie vor mit Anschlägen praktiziert, er will einen angemessen entschädigten Umzug des Dorfes auf dem Verhandlungswege erreichen.

Das ist die konkrete Geschichte in diesem Film. So gibt es viele, kinoschöne Aufnahmen aus dem fruchtbaren, grünen Gebiet, wo Tamaquito liegt. Umso schmerzlicher sind die Aufnahmen vom neuen Ort, zwar Häuser aus Mauern und mit sanitären Anlagen versehen, mit Gaskochherden und eine Straßenbeleuchtung gibt es auch. Aber die Gegend ist arid, kaum Wasser und der Konzern hält seine Zusage, für genügend Wasser zu sorgen, nicht ein. Da kämpft die Gemeinde nach wie vor darum. Dieses Problem spricht Fuentes als Teilnehmer der Aktionärsversammlung von Glencore im schweizerischen Zug an. Er wird vom Versammlungsleiter allerdings darauf hingewiesen, dass er nur eine Frage stellen dürfe und nicht ein Plädoyer halten. Da hätte man Fuentes vorher vielleicht briefen sollen, dass er sein Plädoyer in Frageform formuliert, vielleicht, „Sind Sie damit einverstanden, dass wir im Interesse Ihrer Aktionäre auf ein menschenwürdiges Leben verzichten sollen?“.

Immerhin war der Konzern damit einverstanden, diese Sequenz im Film zu belassen. Sie dient nicht zu seiner Zierde. Die Grenze des Erfolges dieses Filmes im normalen Kinoprogramm dürfte in der Kurzatmigkeit des Schnittes begründet liegen, die wohl den koproduzierenden Fernsehanstalten geschuldet ist. Auch auf die Zwischentitel hätte ich gerne verzichten könne. Aber es gilt: für jeden deutschen Stromverbraucher sollte es Pflicht sein, diesen Film anzuschauen! Denn die Kausalkette, was wir mit dem Betätigen des Stromschalters in Deutschland im fernen Kolumbien bewirken, die wird in diesem Film erzählt. Jemand muss etwas ändern: Glencore muss fairer werden oder wir sollten beim Stromverbrauch sparen; bei letzterem kann jeder selber ansetzen, denn die Verbrennung der Kohle ist nach heutigen Erkenntnissen nicht im Interesse des Klimaschutzes.

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