Die polnischen Filmemacher Joanna Kos-Krauze und Krzystof Krauze muten dem heutigen Zuschauer mit ihrem extensiven Bilderbogen über das Leben der Roma-Dichterin Bronislawa Wajs einiges zu. Sie versetzen sich in ihrer Erzählweise ganz in die Roma-Mentalität, die sich mit dem Thema literarische Berühmtheit, lieterarischer Durchbruch schwer tut.
Die sind nicht so naiv westlich und gehen gleich in die Knie, wenn einer in die Zeitung kommt. Sie fühlen sich sogar verraten. Sie verstoßen die Dichterin, die plötzlich öffentliches Ansehen bekommt. Sie wird wahnsinnig. Sie will die Bücher nur noch verbrennen. Denn für sie sind die Gedichte nicht anderes als Handlesen, eine der Brotkünste ihrer Sippe.
Die Roma haben andere Werte als wir Sesshaften. Schon das Lesenlernen von Bronislawa war ihnen suspekt. Aber weil sie es getan hat, hat sie sich von einem bürgerlichen Flüchtling, der für zwei Jahre bei ihrer Familie untergekommen ist, überreden lassen, ihre Gedichte aufzuschreiben und sie ihm anzuvertrauen. Er hat für die Veröffentlichung gesorgt. Auch hat er selber ein Buch über die Roma in Polen geschrieben.
Der Film ist ein harter Brocken insofern, als er nicht in westlicher Abhakmanier Punkt für Punkt im Leben der Autorin erledigt. Er ist in exzellenter schwarz-weiß Fotografie, von der man jedes einzelne Bild für eine Ausstellung verwenden könnte, gemacht, springt ungeniert hin und her zwischen dem Geburtsjahr der Dichterin, 1910, und 1925, 1939, 1945, 1949 und 1971, wo sie aus dem Gefängnis entlassen wird, weil sie ein Huhn gestohlen hat. Denn ihrem Mann schmecken nur die gestohlenen Hühner. Eine Philosophie (Klauen und Wahrsagen), die dem sesshaften westlichen Kulturkonsumenten wenig schmecken dürfte.
Der Film berichtet wie in Echt-Zeit ausgiebige Szenen. Dabei sind die biographischen Informationen über die Dichterin spärlich gestreut.
Es ist eine breite, penible Schilderung des Lebens der Roma, wie sie immer wieder unterwegs sind mit ihren Wagen, wie verschiedene Sippen zusammenkommen und sich wieder trennen, wie sie anfangs des letzten Jahrhunderts angesehen waren als Musiker, die in feinen Gesellschaften zum Tanz aufspielen durften, wie sie in der Nazizeit verfolgt wurden, wie es Versuche gab, sie sesshaft zu machen (was ihnen nicht bekommen ist; gegen Krankheiten, die durch feuchtes Gemäuer verursacht werden, versagt selbst das Allerweltsheilmittel „Himbeere“), wie nichts ihre unbändige Lebensfreude, ihr Freiheitsgefühlt und das Musizieren bremsen kann.
Eine schöne Szene zeigt, wie die Familie Wajs eine Harfe per Boot angeliefert bekommt. Der Film ist ein eindrückliches Sittengemälde der polnischen Roma. Er wirkt authentisch. Die Darsteller mit Sprechrollen mussten, so das Pressematerial, in einer langen Vorbereitungszeit, Romes sprechen lernen.
Wie ein Stück für ein Museum – das man unbedingt besuchen sollte.