Neuland

Anna Thommen berichtet in ihrem Dokumentarfilm von einer gesellschaftlichen Nahtstelle, Reparaturstelle, Flickstelle. Sie hat über zwei Jahre immer wieder eine Integrationsklasse in Basel besucht. In dieser versucht der Profipädagoge aus Passion Christian Zingg (er könnte bei seiner Qualifikation mit weniger Arbeit am Gymnasium mehr verdienen), Jugendlichen aus aller Welt, die auf teils abenteuerlichen Wegen, teils auch ganz einfach mit dem Flugzeug in die Schweiz gekommen sind, die Weichen für einen erfolgreichen Einstieg in ein Berufsleben oder für ein Studium zu stellen.

Eine Minimalahnung von Deutschkenntnissen müssen die Schüler mitbringen. Anna Thommen selbst scheint sich schnell in die Klasse integriert zu haben, so dass sie einen überzeugenden Eindruck von dieser Frontstelle in der großen Auseinandersetzung über Zuwanderung präsentiert. Wobei sie sich darauf konzentriert hat, ein Gesamtbild zu zeigen.

Allerdings entwickeln sich einige der Schüler zu ergiebigeren Protagonisten als andere und dann kommt ja auch noch der Lehrer dazu. Damit scheint die Dokumentaristin nicht unbedingt gerechnet zu haben, dass Herr Zingg mit seinem pädagogischen Eros, über sein Privatleben erfährt man gar nichts, eine faszinierende Figur ist mit liebevollen, gleichzeitig strengen pädagogischen Grundsätzen, dem es nicht bange sein muss um den Respekt der Schülern vor ihm.

Ein Mensch, der in seiner Aufgabe aufzugehen scheint und für den der Beweis in der Richtigkeit seines Ansatzes darin liegt, dass die Jugendlichen in einige Jahren ein Berufsdiplom in Händen halten. Er wäre eine Figur, einer gesonderten Recherche wert.

Auch mit den beiden Protagonisten Habibi und Frau Aliji hat die Filmemacherin eine guten Griff getan. Als solche werden sie jedenfallls im Abspann an erster und wichigster Stelle genannt. Die Albanerin, die aus Serbien geflohen ist und noch in der Familie ihrer Stiefmutter offenbar den halben Haushalt erledigt, wenig Zeit und Konzentration zum Lernen hat, die davon träumt, Grundschullehrerin zu werden, es reicht aber im Moment „nur“ für einen sozialen Beruf; immerhin fällt sie bei der Schnupperlehre so positiv auf, dass das Altenheim für sie einen extra Ausbildungplatz schafft. Auch so geht ein Traum in Erfüllung.

Habibi aus Afghanistan, der einen komplizierten Familiennamen hat, war ein Jahr lang unterwegs in die Schweiz, unbegleitet und er schuldet Bekannten 8000 Dollar, die er innert zwei Jahren zurückzahlen muss, sonst dürfen seine Eltern nicht mehr ansääen. Er empfindet eine große Verantwortung seiner Familie gegenüber. Wenn er die Schule besucht, kann er kein Geld verdienen; ein starker Konflikt. Vielleicht hat er sich deshalb selbst Verletzungen beigebracht?

Ein bisschen versucht der Film auch, Werbung für diese Schule zu machen. Was mit dem Vorzeigepädagogen Zingg problemlos gelingt. Er berichtet von einer erfolgreichen Nahtstelle im brüchigen Gefüge einer Einwanderungsgesellschaft. Aber es wird einem auch bewusst, wie viel Mühe so eine Integration macht; wobei hier kaum von Traumata und vollkommen zerrütteten Lebensentwürfen, die es vielleicht nicht mal auf so eine Schule schaffen, die Rede ist.

Schöne Szene in der Schule, wie einer sein Schulheft falschrum hält und der Kollege fragt, ob er jetzt persisch schreiben wolle.
Anruf des Afghanen zuhause: wie geht es den Maulbeerbäumen? – Asyl abgelehnt (vorerst).
Die Schnupperlehren.

Ziel des Kurses: der Mensch, der in diesem Land selbstständig leben kann und die nächsten, Jahrzehnte bis 65 oder gar älter, sich ernähren kann, seinem Beruf nachgehen kann, der in einer Einwanderungsgesellschaft integrierte Mensch.

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