Auf dem heißen Spannungsbogen zwischen intimer Privatheit und Öffentlichkeit bewegt sich bewegende Kunst. Das private Glück, Unglück, die Einsamkeit des Sängers, der sich den Massen mitteilt, die sich vor den Rockbands in Arenen versammeln, das dürfte der Balanceakt von Kurt Cobain gewesen sein, der sich schon mit 27 Jahren umgebracht hat, der diese Diskrepanz, die ihm durch seine Heroinabhängigkeit vielleicht noch drastischer bewusst geworden ist, offenbar nicht mehr ausgehalten hat.

Brett Morgan hat jetzt aus dem Nachlass von Cobain mit dem Einverständnis jener Nahestehenden, die bei seiner Beerdigung in vordester Linie standen und unter dem maßgeblichen, mögliche widersprüchlichen Interessen neutralisierenden OK seiner Tochter einen der sicher aufregendsten Dokumentarfilme der letzten Zeit mehr montiert als gedreht.

Denn den üblichen Interviewinput bei solchen posthumen Dokus über Berühmtheiten hat er auf den engsten privaten Kreis reduziert, Vater, Mutter, Freundin und Frau und dazu noch sparsam eingesetzt; er dient lediglich dazu, einige unerlässliche biographische Infos einzustreuen.

Vor allem aber hat Morgan das erreicht, was er in dem 12 minütigen Interview erläutert, das hinter dem rasend schnell vergehenden 135 Filmminuten für die kurzzeitige deutsche Kinoauswertung noch angehängt wird: er möchte dem Zuschauer wie in einem Vergnügungspark ein Modul „Cobain“ einrichten, indem dieser wie über ein Bullauge ins künstlerisch-emotionale Innenleben von Kurt Cobain eine rauschhafte Fahrt unternehmen kann.

Das Material, was Morgen vorgefunden und in der Art des Gefühls, das ein Rockkonzert erzeugen mag, zusammengeschnitten hat, besteht aus Zeichnungen, Tonbändern, Mixtapes, Notizen, privaten Homemovies vom Familienleben als kleiner Bub in Aberdeen bis hin zur Zeit, wo er und seine Frau drogenabhängige Eltern einer kleinen Tochter waren oder wie sie gemeinsam halbnackt im Bad die Morgentoilette machen und auch Konzertmitschnitte, das meiste Material wild mit Handkamera gedreht.

Im Gegensatz zum Film über die Scorpions Forever and a Day von Katja von Garnier bekommt der Zuschauer hier einen lebendigen Eindruck von der Künstlerpersönlichkeit, vom Menschen Kurt Cobain, der ein hyperaktiver Bub war, ein erwartetes Wunschkind, dessen erster großer Schmerz die Trennung seiner Eltern mit 8 Jahren war, ein Verlust, den er vermutlich nie ersetzen, sondern nur zu kompensieren versuchen konnte, mit der Musik, mit der Gründung einer eigenen Familie. Seine Bauchschmerzen, die er ständig hatte, wie er mit Heroin anfing. Wie die Band plötzlich ganz oben stand und er dabei die Einsamkeit nur noch stärker verspürte.

Brett Morgan lässt eine richtige Rauschwelt auf der Leinwand entstehen; so hat Hisko Hulsing aus Bildmaterial von Cobain Animationen gezaubert, Tagebuchtexte sind so animiert, dass sie auf der Leinwand erst entstehen, Zeichnungen von Cobain sind zu sehen, chromatographische Effekte, Plakate, Zeitschriftentexte, News, Interviews, Fotos, der Tanzaffe, poetische Rock- und Liebestexte, Artefakte. Illustrationen zur Gastroenteritis, animierte Marionettenzeichnungen und der Rollstuhlauftritt, wo er zu Beginn eines Konzertes das Umfallen mimt, um dann die Perücke abzunehmen und wieder richtig aufzudrehen. Das alles und viel mehr verwirbelt Brett Morgen zu einem wilden, ekstatischen Trip in die Innereien der Rockmusik und des Rockfeelings der Nullbock-Generation. Deren Ziel dann doch nur war, to build a home, was bei Cobain zu einem maßlosen Junkie-Lifestyle ausgeartet ist, vor lauter Angst, geordnete Verhältnisse könnten seine Kreativität gefährden.

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