Das Blaue Zimmer (erneuter Start – unveränderte Review)

Die Vorteile einer Affäre eines verheirateten Mannes mit einer Frau, deren Mann ein schwer kranker Apotheker ist, liegen auf der Hand: Gift ist leicht zu beschaffen.

Da der Autor des Romans, der dem Drehbuch dieses Filmes von Mathieu Amalric zugrunde liegt, Georges Simenon heißt, dürfte die Affäre in der Kleinstadt St. Justin in der Nähe von Paris bald in einen Kriminalfall münden. Und da die Franzosen eine lange kulturhandwerkliche Tradition der Bearbeitung des Themas Liebe und Affären haben, so wird sich Mathieu Amalric gedacht haben, werde auch er seine kleine Fingerübung zu dem Thema beisteuern, wobei er seine Hauptfigur des fremdgängerischen Ehemannes Julien nicht wie einen über all diesen Dingen stehenden Franzosen spielt, der das als Kunst betreibt, sondern eher wie einen verlorenen Hund, wie ein Terrier, so wie er ihn einmal von seinem Betonhaus, das er für seine Familie gebaut hat, weglaufen lässt. Das dürfte sich allerdings nicht mit den Figurvorstellungen von Georges Simenon decken.

Amalric ist ein erfolgreicher Unternehmer in der Provinz, hat Frau, Léa Ducker als Delphine, und Töchterchen Susanne. Er hat einer heiße, 11 Monate dauernde Affäre mit der Apothekerin Esther, Steéphanie Cléau, die ihn noch dazu regelmäßig in den Mund beißt. Seine Lügen zu Hause warum es wieder so spät wurde und warum er einen aufgequollenen Mund habe, die sind plump.

Offenbar keimt jedoch in seiner Frau nicht der leiseste Verdacht. Das ist auch nicht das Interesse der Autoren des Filmes. Dieses geht eher um die Verwicklungen zwischen Liebe und Verbrechen, wozu so ein Seitensprung mit einer Apothekerin führen kann, denn bald schon gibt’s die erste Leiche und später noch eine zweite. Diese Vorgänge interessieren Amalric aber nicht besonders.

Ihn interessiert die Affäre mit ihren juristischen Folgen als skizzenhafte Spielerei ineinanderzuschneiden. Noch steht er splitternackt bei seiner Geliebten am Fenster und sieht deren Ehemann kommen und gleichzeitig wird er bereits über den Tod von diesem Ehemann amtlich befragt.

Den Machern dieses Filmes scheint es weniger darum zu gehen, das Publikum mit einer großen Liebes- und Seitensprunggeschichte als Melodram oder RomCom oder gar Liebestragödie zu fesseln, sondern mehr um die Spielerei mit dem Gedanken, was für krasse Folgen so eine Affäre auf das bürgerliche Familien- und Berufsleben haben kann, und die Faszination durch diesen Tatbestand. Wie in so eine fleischliche Sache wie Liebesakte plötzlich Staatsanwalt und Polizei und der ganze Apparat eingreifen und dazu noch alle Details wissen wollen, bei gleichzeitig konsequentem Verzicht auf Pikanterie.

Was lernt der Zuschauer dabei? Dass bei Lieferungen von Pflaumenconfitüre aus Apotheken Vorsicht geboten ist. Ein bisschen ist es vermutlich humoristisch gemeint: jedenfalls bleibt die Kamera kurz vor Schluss deutlich lange an zwei gezeichneten Fliegen auf einer gemusterten Tapete an der dem Gericht gegegnüberliegenden Innenwand des Saales hängen. Die zwei Fliegen überlegen sich vielleicht gerade, was die Vor- und Nachteile von Liebesaffären mit Apothekerinnen sein könnten.

Schnell skizzierte Versuchsanordnung eines Liebes-Justiz-Mixes nach den Vorgaben des Romans von Georges Simenon, vielleicht, um schnell und unkompliziert Produktionsgelder von Sendern und Filmförderern abzurufen.

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