Andreas Dresen wurde Liebling des Feuilletons und der Filmförderer mit Filmen, in denen er in familärem, pfadfinderhaftem Rahmen mit einem übersichtlichen Ensemble improvisiert hat („Sommer vorm Balkon“, „Wolke Neun“, „Willenbrock“, Whisky mit Wodka). Und wer ihn kennengelernt hat, der findet, er sei ein netter Mensch. Das dürfte der Grund dafür sein, warum sich keiner mehr traut zu sagen, was Sache mit seiner Regiekunst ist.
Im vorliegenden Film versucht Dresen einen Roman von Clemens Meyer nach der Drehbuchfassung von Wolfgang Kohlhaase, einem schon in der DDR sehr bekannten Drehbuchautoren, zu verfilmen.
Die Besetzungsliste umfasst über ein halbes Hundert Namen. Da sind andere Regiefähigkeiten gefragt, als mit überschaubarem Team in sommerfrischer Atmosphäre workshophaft Szenen zu improvisieren.
Es geht um eine Geschichte in der DDR, um eine Gruppe Jugendlicher, die eine Disco aufmachen will und die damit ein Geschäft machen wollen, denen allerdings ein Gruppe älterer „Glatzen“ das missgönnt, sie bedroht, sie verprügelt und alles kaputt macht, die Inneneinrichtung demoliert. DDR-Jugendgang-Geschichten.
Einer der Jungs wird drogenabhängig und stirbt daran.
Das Problem dieser filmischen Zubereitung des Romanstoffes scheint mir beim Drehbuch zu beginnen. Es etabliert zwar Daniel im Voice-Over-Modus als Icherzähler. Aber es gibt keinen Protagonisten.
Erst nach etwa einer Filmstunde bekommen die beiden Hauptakteure überhaupt das Etikett mit Vor- und Familiennamen.
In diesem Film scheinen sich verschiedene Absichten zu streiten. Einmal sucht das, was der Romanautor erzählen will, filmische Darstellung. Was das nun genau ist, das ist für mich nur schwer herauskristallisierbar wegen weiterer, offenbar widersprüchlicher Bedürfnisse von Drehbuch, Regie und Darstellern.
Vermutlich geht es um die Verarbeitung des Todes von Mark. Mit dieser gespenstischen Szene fängt der Film vorgreifend zum Ende an, ohne Näheres zu verraten. Die Szene bleibt nicht nur lichttechnisch im Dunkeln, auch von der Performance, dem Text und der Regie her bleibt sie rätselhaft, nebelhaft – und ihre Wiederholung am Ende erhellt kaum mehr.
Die Drehbuchbearbeitung von Wolfgang Kohlhaase tut sich schwer, sich auf den Icherzhäler als Protatonisten einzulassen. Sie interessiert sich nicht für seine Person, seinen Charakter, was Voraussetzung zum Nachvollzug allfälliger dramatischer Entwicklung durch den Zuschauer ist. Er wird diesebezüglich allein gelassen. Der verlassene Zuschauer.
Erschwerend kommt hinzu, dass Drehbuch und Inszenierung wild zwischen verschiedenen Lebensaltern der Jungs hin- und herhupfen, ohne leicht identifizierbare Hinweise; so wird der Film für den Zuschauer zum Puzzle, zum Rätselfilm. Er wird aber nicht als solcher verkauft. Der Kunde, auch der Kinokunde möchte allerdings wissen, was er sich mit seinem Eintrittsgeld einhandelt. Hier bleibt die Katze über weite Strecken im Sack.
Für die Zeit als Pioniere in der DDR sind Kinder als Darsteller besetzt; die sind immerhin so gut gestylt, dass man sie den erwachsenen Doubles problemlos zuordnen kann. Großes Plus des Filmes. Die erwachsenen Besetzungen der Rollen aber behaupten, sie seien noch keine achtzehn, was ihr Spiel nicht vermuten lässt.
Zu diesen bereits vielfältigen Rezeptionserschwerungen kommt die Regieabsicht hinzu, die nicht eine Sekunde daran denkt, eine spannende Geschichte zu erzählen, die Entwicklung von Charakteren herauszukristallisieren, wozu ihr ja auch das Drehbuch wenig Anlass gibt; es scheint, dass Andreas Dresen sich mehr auf eine Stimmungssuche aufgemacht hat; dass er seine gemütlichen Improvisationsspiele, seine „Methode“ an der Aufgabe „DDR spielen“ fortführen will. Er will DDR-Jugendatmosphäre erzeugen. Die Darsteller geben sich alle Mühe, aufgeregt zu sein, laut zu sein, hektisch zu sein, textbemüht zu sein; sie werden dabei noch von einer Wackelkamera unterstützt und vom bewusst bescheidenen Einsatz von Lichtquellen. Damit die Geschichte ja im Dunkeln und in der Aufgeregtheit untergeht. Damit das deutsche Kino einmal mehr im Sud der eigenen Befindlichkeit unglücklich sein kann – und das Fernsehen und die Fördergremien unterstützen es dabei bereitwillig.
Aus all diesen Gründen scheint der Film vor allem für Verwandte und Bekannte und DDR-Nostalgiker von Interesse zu sein, die einen Bezug zum Thema haben. Dem Außenstehenden allerdings werden schlicht die erzählerisch notwendigen Rahmendaten vorenthalten.
So verengt sich der Film auf Anekdotisches, zieht davon noch und nöcher Beispiele hervor (muss auch noch zeigen, wie DDR-Buben ein Ei in der Mikrowelle zu kochen versuchen!), kann sie aber nicht in eine spannende Abfolge bringen.
Die Darsteller wirken über weite Strecken, als fehlte ihnen jeder Bezug zum Thema. Zwischentitel unterstreichen das Anekdotische des Verfahrens; das ist wie wenn fremde Personen Sie zu einem Diaabend über ihren Urlaub einladen.
Einige Kapitel: Straßenköter, die großen Kämpfe, Immer Bereit, Großer Wagen, Strahlen, Abschied.
Marks Tod verwundert auch insofern, als der sich in keiner Weise abzeichnet. Wirkt eher so, als sei ein Schauspieler dummerweise bei den Drehbarbeiten gestorben.