Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

Filme, die einen Blick hinter die Kulissen von Theater und Film bieten, können immer mit einer gewissen Neugierde des Publikums rechnen, weil es zu Mitverschworenen gemacht wird, weil es sich vielleicht einen Hinweis auf die Wahrheit des Geschehens auf der Bühne oder der Leinwand erhoffen mag. Meist sind diese Filme auch eine Hommage an die Darsteller, an ihre Größe und ihre Schwächen. Allein letzten Herbst gab es eine ganze Reihe von Hinter-die-Kulissen-Schau-Filme. Den Anfang macht der zynischste von allen, der ganz Hollywood als eine einzige Inzuchtfarm charakterisierte, David Cronenberg mit Maps to the Stars, weicher verpackt, aber mit noch schmerzhafterem Kern war Mike Myers‘ Superstar – Wer ist Shep Gordon?, es folgte Clouds of Sils Maria von Olivier Assayas, der die Tiefen weiblichen Startums auslotet ohne sie zu verletzen und auch Ein Geschenk der Götter aus Deutschland kann hier ruhig angeführt werden, bei dem der sorgfältige Blickwinkel derjenige der Arbeitslosigkeit ist.

Hier jetzt der Broadway. Ein Theaterstück zum Thema Liebe von Raymond Carver, für die Bühne adoptiert vom ehemaligen Hollywoodstar Riggan, der als Vogelmann in Blockbustern berühmt geworden ist, der aber auch unter diesem Image leidet, muss er sich doch von der gefürchteten New York Times Kritikerin Dickinson vorwerfen lassen, er sei ein Promi und nicht ein guter Schauspieler und sie werde ihm auf jeden Fall einen Verriß widmen.

Allerdings können solche Kritiker heutzutage auch nicht mehr auf so einem allmächtigen Ross sitzen, das wird der Film zeigen anhand ausgeflippter Szenen von Riggan, die zum Riesenerfolg im Internet werden und die ihn in die Zeitungsschlagzeilen bringen, die dem Publikumsandrang durchaus förderlich sind.

Regisseur Alejandro González Inárritu (er hat auch das Buch zu diesem Film, das sich auf Carver bezieht, mit Nicolas Giacobona, Alexander Dinelaris und Armando Bo geschrieben) interessiert sich zum einen für die aufgedrehte Aufgeregtheit, die um die Premiere einer solchen Broadway-Produktion herum herrrscht. Es geht um die letzten öffentlichen Proben, wo die Schauspieler sich noch ausprobieren dürfen und Pannen erlaubt sind, wo vor allem auch die Publikumsreaktion getestet wird. Andererseits interessieren Inárritu durchaus die Abgründe eines Schauspielers, und wenn er noch so bekannt ist, wie er unsicher ist, wie er an sich zweifelt, wie er nicht genügend von Zuneigung und Anerkennung haben kann, wie er überhaupt nicht mit anderen Darstellern auskommen kann, als seien alles egozentrische Planeten; das führt hier soweit, dass noch im Stadium der Leseproben Riggan dazu beiträgt, dass dem verhassten Konkurrenten, den er für einen absoluten No-Go hält, dummerweise vom Bühnenboden eine schwerer Gegenstand auf den Kopf fällt.

Also muss umbesetzt werden; viel besser läuft es dadurch nicht. Die lieben Kollegen treiben sich zur Weißglut. Die Aufgeregtheit, die Aufgewühltheit, die Verletzlichkeit der Darsteller, die mit nahender Premiere sich ins Maßlose steigern, die zeigt Innáritu mit einer Kamera, die Hochleistungssport betreibt, die Kamera von Emmanuel Lubezki: endlose Szenen lang ohne Schnitt verfolgt sie die Schauspieler durch Garderoben und Gänge hinter dem Theater bis auf die Bühne oder wenn sich Riggan, weil er eine Zigarette während der Vorstellung rauchen will und sich aussperrt aus dem Theater, so muss er nur mit einem Minislip bekleidet um den Block über den halben Broadway zum Haupteingang laufen, um gerade noch rechtzeitig die Szene zu erreichen, in die er hineinzuplatzen hat.

Die Darsteller sprechen leicht utriert, reden oft viel zu laut, als hätten sie Angst, man könne sie überhören, sie nicht wahrnehmen. Ich nehme an, Inárritu hat das bewusst so inszeniert.

Edward Norton als Mike springt für den unfallhalber ausgestiegenen Schauspieler ein. Die Gespaltenheit von Riggan wird durch ein Double von ihm deutlich gemacht, das mit tiefer, diskreter Stimme spricht, das seine dunkle Seite, die Seite seiner Selbsterkenntnis formuliert. Des Schauspielers zwingendes Need, wichtig sein zu wollen. Seine panische Angst vor Bedeutungslosigkeit. Interessanterweise verfügt Riggan über telekinetische Fähigkeiten. Ein Schauspieler ist eben etwas Besonderes, er kann vor dem Spielen oder bei Proben auch in der Garderobe im Yoga-Sitz einen halben Meter über dem Grund schweben.

Die labile Psyche, der Hang zur Demütigung, die existentielle Unsicherheit des Schauspielers, das kommt hier als ein wildes, exzentrisch-surrealistisches Gemälde zur Geltung so heftig wie bei einem El Greco.

Nette Insiderbeobachtung, wie sich die Darsteller schon bei der Entgegennahme des Applauses fetzen. Ein Film nicht über die condition humaine, sondern über die condition d’acteur, durch Trommelwirbel und die Trommelei auf dem Soundtrack präsentiert wie eine Zirkusshow, so artistisch wie artifiziell, als lphysischer Hochleistungsakt nicht nur der Kamera, sondern auch der Darsteller.

Und was gibt es Leichteres zur Motivierung eines erledigten Schauspielers, eines Schauspielers, der am Ende ist, der an einem Abgrund steht vor der Premiere, als ihm allen Ernstes zuzuflüstern, Scorsese sitze im Publikum? Schauspieler und die nie endende Hoffnung und wie leicht sie daran zu manipulieren sind. Denn der Darsteller Gier nach Anerkennung scheint grenzenlos, unersätttlich so unentbehrlich wie für den Vampir das Blut.

Als Wundpflaster über die ungeheuren Ängste und Verletzungen lässt der Film, pathetisch geworden, am guten Ende den Star in der Garderobe in einem Blumenmeer schier ertränken. Nicht zu vergessen, der Schuss in die Nase.

Carver: krasser Menschenbeobachter. Inárritu: krasser Menscheninszenierer.

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