Unbroken

Versöhnung statt Rache, das ist die Botschaft, die uns Angelina Jolie, gut gemeint, mit diesem Biopic über ein höchst ungewöhnliches Schicksal nach dem Drehbuch von Joel und Ethan Coen, Richard LaGravenese und William Nicholson nach dem Roman von Laura Hillenbrand vermittelt, „nach einer wahren Geschichte“.

Es ist die Geschichte des italienischen Einwanderersohnes Louis Zamperini (die SZ hat die Schreibweise „Louie“ aus dem Presseheft übernommen), in der Kindheit als Scheiß-Ithaker gehänselt, vom Bruder zu sportlichen Höchstleistungen als Sprinter angetrieben bis zur Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936, dann Kriegsteilnahme als Flieger im Zweiten Weltkrieg, Notwasserung bei einem Einsatz, 48 Tage schiffbrüchig auf dem Meer, von den Japanern gefangen genommen und als Feind schikanös behandelt bis zum Ende des Krieges mit darauf folgender Rückkehr nach Amerika.

Louis Zamperini sei später wieder nach Japan zurückgekehrt, so steht es im Abspann, und habe den Kontakt zu seinen einstigen Peinigern gesucht, um sich zu versöhnen, nur Watanabe, der intimste und gemeinste seiner Feinde habe sich geweigert, ihn zu treffen.

Angelina Jolie hat den Darsteller des erwachsenen Louis mit Jack O‘ Connell besetzt, einem Darsteller, der vor allem in den Momenten des Martyriums bildverbindlich rüberkommt. Am Eindringlichsten ist die Szene im japanischen Gefangenenlager, wie sein Quälgeist Watanabe, Takamasa Ishihara, dem erschöpften Amerikaner befiehlt, einen schweren Balken aufzuheben, diesen oben zu halten unter der Drohung, erschossen zu werden, falls er den Balken fallen lasse. Diese Szene wird zu einer Nervenprobe zwischen Peiniger und Gepeinigtem, erinnert an christliche Mythologie, an den Gekreuzigten, Christus, das Kreuz auf den Querbalken reduziert. Eindringliches Bild des kämpfenden Louis. Seine Ausdauer ist so stark, dass Watanabe aufgibt, bevor er den Balken fallen lässt, „Sieh mich nicht an“ schreit der Quälgeist. Das symbolisiert die Macht der Gewaltlosigkeit, der Unerbittlichkeit des Glaubens.

Am Schluss sieht man den originalen Louis mit 80 bei olympischen Spielen mitlaufen und dann blendet Jolie noch ein Foto des alten Mannes ein. Da wird schmerzlich deutlich, was ihr mit der Besetzung von O‘ Connell und dessen Inszenierung nicht gelungen ist: er wirkt im Film immer so, als sei er ein Stand-In für eine Bildergeschichte. Jolie und ihre Autoren interessieren sich kaum für den Charakter der Hauptfigur, der ihr doch die Überlebensstärke gibt, die Qualität also, die entscheidend ist für die Botschaft, die sie mit ihrem Film verbinden wollen: Versöhnung statt Rache.

Vielleicht verrät Angelina Jolie mit ihrem Film mehr darüber, was für ein Kino sie liebt. Das Bild muss schön sein (auch wenn es Dreck und Schmerz zeigt); es scheint momentweise orientiert am italienischen Neorealismus, sie will ein Kino, was auch für einfache Gemüter nachvollziehbar ist, also eher einen Tick zu langsam erzählt, zu deutlich als modernistisch den Zuschauer mit einer rasanten Bilderflut zu überrollen, was dem Krieg bei der ersten Angriffsphase in den Flugzeugen einen Touch von Gemütlichkeit verleiht. Der anrührend nostalgisch-altertümliche Kinotraum von Angelina Jolie.

Eine lange Phase des Filmes sind die 48 Tage von Louis als Schiffbrüchigem auf See, zuerst mit zwei, dann noch mit einem Kameraden. Das erinnert an den grandiosen Film von Robert Redford im letzten Jahr All is Lost. Bei ihm ist just dieses in jeder Sekunde überleben wollen spürbar, der Charakter der Figur, was ich bei Jolie vermisse. Sie scheint nicht in jeder Sekunde ihr Thema im Auge zu haben, sondern sich lieber ganz allgemein in Kinogefühlen, im Kinomachen der generellen Art und wichtig auch der Komparseninszenierung zu suhlen. Wildes Überleben eines Schiffbrüchigen auch in Life of Pi von Ang Lee, den vor allem das aufsehenerregende Kinogemälde in 3D am Schiffbruch interessierte.

Von Anfang an stört die stark parfümierte deutsche Nachsynchronisation. Und auch Probleme mit der Reihenfolge der Erzählung, mit dem willkürlich erscheinenden Anfang im Krieg und den Rückblenden, die den Eindruck erwecken, der Film wisse nicht so recht, wo und wie anfangen; es ist auch lange nicht so richtig klar, welches die Hauptfigur sein wird.

Oft wirken die Darsteller noch im größten Fliegerkampf wie frisch aus der Maske kommend.

Durch die verwürfelte Reihenfolge der Erzählung wirkt die Kindheitsrückblende ausgewalzt. Louis wird von den Buben getrietzt, aber der Zuschauer bekommt keinen Einblick in seine Inneres, die Reaktion seines Charakters, die wird uns vorenthalten, Verzicht auf den inneren Monolog, der die Stärke der Figur entwickeln könnte.

Mit der Vorbereitung auf die Olmypiade in Berlin und dem Einwechseln des erwachsenen Darstellers kommt mehr Flow in die bisher eher hackelige Story. Besetzung des Protagonisten mit Stirnrunzelschönling.

Nicht alles gelingt; nachdem die drei schiffbrüchigen Soldaten einen großen Wasservogel gefangen haben, reihern sie wie im Chor eine gelbe Flüssigkeit; unfreiwilliger Lacher. Auch der Fischfang erinnert mehr an eine Pfadfinderübung.

Vom Dialog her ist einer der ganz wenigen Hinweise auf Louis‘ Charakter der, dass er meint, „wir müssen reden, um nicht durchzudrehen“, wenn sie allein auf dem Meer im Gummiboot sind. Geist macht das Überleben möglich. Und Geist wird später den Impetus zur Versöhnung geben, die so im Film allerdings nicht mehr vorkommt. Das sind Überlegungen und Ableitungen, die der Zuschauer selber machen muss, er muss wie bei einem Rätsel den Charakter der Hauptfigur herleiten und im Abspann erhält er die Auflösung, statt dass ihm der Charakter und die daraus sich entwickelnden Handlungsweisen mit den Mitteln des Kinos Einsicht in diese ungewöhnliche Persönlichkeit geben. Der Film wirkt deshalb über breite Strecken wie eine Fotoromanze, die Story in Bildern nachgestellt unter Verzicht auf kinomögliche Dramatik. Die Inszenierung des Chors, der üble Dinge beobachtet und die dann alle ganz bedröppelt schauen müssen und leer schlucken, da hört man förmlich die Anleitungen der Regisseurin.

Einen schönen, andachtsvollen Moment hat Louis, wenn er für Radio Tokyo als Gefangener einen Überlebensbeweis an seine Verwandten in den USA sprechen darf. Wie er es ablehnt, auf dieselbe Art einen Propagandatext zu sprechen, gewinnt er kurzfristig Kraft und Statur. Denn er muss ins Lager zurück und sich dort von seinen Mitgefangenen ins Gesicht schlagen lassen, wozu er sie auch ausdrücklich auffordert (allerdings eher schmerzfrei inszeniert).

Der Leidenmsann steht dem Protagonisten gut. Christliches Pathos.

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