Bavaria Vista Club

In seiner ruhigen Art, die das Ganze nicht aus den Augen verliert und mit einer respekt- und verantwortungsvollen wie auch neugierigen Haltung der Heimat gegenüber, wie er schon bei Endstation Seeshaupt bewiesen hat, präsentiert Walter Steffen eine Art filmisches Programmheft zum oberbayerischen Musik-Event „Bavaria Vista Club“ auf einem sommerlichen Hof auf dem Lande.

Ohne stur oder schematisch vorzugehen und mit einigen stimmungsbeschreibenden Begrüßungsszenen oder mit kurzen zum Land und der Volksmusik eingefügten Kontrastbildern von Stadt, Straßen und Verkehr, wie Glitzer am Weihnachtsbaum, nimmt uns Steffen ganz ungezwungen mit durch die Chronologie der Veranstaltung, die Gruppen mal angekündigt durch den Moderator oder einfach nur mit Schnitt und Einblendung des Namens der Gruppe.

Wenn die Gruppen dran sind, lässt er sich genügend Zeit, uns Hintergrundinformationen über sie zu geben, sie beim Üben zu beobachten, er lässt sie vor allem erzählen über ihren Weg zu Musik, über die Bedeutung der Musik und wieso gerade Volksmusik und die weiteren Einflüsse darauf, denn Bayern war immer schon, wie Wolfgang Ramadan meint, ein Sammelsurium.

Einer hat über die Nachbarin, eine türkische Hausfrau, genialen Zugang zur türkischen Volksmusik gefunden, ein anderer auf Reisen die arabische Musik entdeckt und auch der Blues spielt oft eine Rolle, gar der Rock. Manche haben eine Hippie-Zeit erlebt, gewagte Reisen unternommen und sich als Straßenmusiker über Wasser gehalten. Es zeigt sich vor allem, dass es kein Zufall ist, dass diese Leute zur Musik gekommen sind, manchen war es schon in die Wiege gelegt; für manche bedeutet Musik menschlichen Kontakt, Familie, menschliche Entdeckung. Es galt aber auch, die traditionelle Stubenmusi mit einem überholten Menschenbild aufzubrechen.

Besonders wohltuend an dieser Doku, die soweit mir ersichtlich nicht mit Fernseh- und also Zwangsgebührengeld produziert wurde, dass sie sich nicht dem Diktat der fernsehasthmatischen Verhackstückung der Einzelgeschichten und ihrer Verzopfung ineinnander unterwerfen muss und somit aus der Ruhe heraus ein ergiebiges Porträt der einzelnen, modernen Volksmusikgruppierungen zeichnen kann.

Ein im Kino (ich habe den Film vorab online schauen können) bestimmt prima zu genießender Bogen, ein Booklet über einige bemerkenswerte Protagonisten oberbayerischer Volksmusik von der „Unterbiberger Hofmusik“ (einem verschworenen Familienbetrieb; „man muss gegenseitig auf sich hören“) über Barbara Lexa (hat Jodelmantras entwickelt; „mein Gott, jetzt hab i a Tochter und die trifft den Ton ned“, verzweifelte Feststellung der Mutter), über Zwirbeldirn (die sich vom Land her kannten und sich in München dank einem Angebot des Fraunhofer Theaters neu formierten, eine Bratsche, zwei Geigen und ein Kontrabass), Schorsch & Williams (die wie amerikanische Folksänger daherkommen; „du hast an Bettler aus mir gemacht“; Blues als Therapie), IRXN (die man wie ein Verb aussprechen muss; „Des is dein eigen Leben, des..“), Zwoastoa (Hippiezeit auf Kreta als Anschubbasis, Reggae und die Suche nach den bayerischen Wurzeln) und Wally & Wolfi (karibischer Groove und bayerischer Grant).

Musik macht die Menschen zu Brüdern. Morgen samma gstoabn, drum mach mas heut und zwar gscheit. Respekt!

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