Clouds of Sils Maria

Ein Schauspielerinnenfest angerichtet von Olivier Assayas, ein Schauspielerfilm, auch ein Schlüssellochfilm hinter die Kulissen von Stars von großem Kaliber, ein Film über künstlerisches Überleben und Altern, über Liebe und Tod sowieso.

Juliette Binoche ist als Maria Enders der Star, die moderne Diva und Kristen Stewart ist ihre Assistentin Valentine. Sie sind in einem altmodischen Zug unterwegs in Richtung Zürich. Dort soll Maria Enders am Abend einen Preis entgegennehmen.

Allein die Szenen im Zugabteil, die beiden Damen von Welt in irrer Hektik ständig am Telefonieren, Termine und Interviews. Sie spielen das grandios. Dummerweise stirbt der Donator des Preises, der Autor Wilhelm Melchior. Der residiert in einem Chalet über Sils-Maria. Stirbt just am Tag dieser Verleihung. Seiner muss jetzt in Abänderung des Programms gedacht werden.

Der wichtigere Grund, warum die Diva mit ihrer Assistentin auf dem Weg in die Schweiz ist: sie möchte den Autor in Sils-Maria besuchen. In London soll nämlich eine Wiederauführung ihres Durchbruchstückes, das er geschrieben hat, inszeniert werden, in dem es um den Machtkampf zwischen einer Diva und ihrer Assistentin geht. Damals spielte sie die blutjunge Sigrid, die Assistentin, die versucht, die ältere Helena in ein Vakuum einzuschließen, um sie zu beherrschen. Ein Machtkampf zweier Damen von Karat. Helena wird sich mit Selbstmord aus der Affäre ziehen.

Ein deutscher Regisseur wird die Aufführung in Lond inszenieren. Die Enders soll jetzt die Helena spielen und ein sensationelles, junges, idealhollywoodgesichtiges Sternchen, dem Assayas einen patzigen Talkauftritt voller Satire gönnt, soll die Sigrid spielen.

Wie aus der Preisverleihung in Zürich eine Totengedenkfeier wird, taucht plötzlich Hanns Zischler als Henryk Wald auf. Mit ihm hatte die Enders als blutjunger Star ein Techtelmechtel, das sich aus den Drehbarbeiten eben jenes Durchbruchfilmes ergeben hatte. Er wird vorher von bösen Zungen beschrieben als ein Darsteller, der je weniger er ein Stück begreife, desto besser sei, spitzenmäßig spiele er, wenn er gar nichts kapiere. Zischler kommt diesem Rollenprofil ideal nahe.

Der Hauptteil des Films spielt in den Bergen, vorgeblich Sils-Maria (filmrealiter leider unter Verzicht auf die Einzigartigkeit des Engadins woanders gedreht aus Fördergründen oder wieso auch immer; musste man den insofern falschen Titel unbedingt beibehalten?). Hier entstehen im Haus des verstorbenen Autors die Spannungen zwischen den beiden Damen Binoche und Stewart, weil die Binoche ja den Text der Rolle Helena lernen muss. Hier verquirlen sich Realität und Spiel. Sie üben auf Spaziergängen in den Bergen. Ein ständig schwankendes Gleichgewicht zwischen Rolle und persönlicher Beziehung.

Köstlicher Gag dabei ist die Ausschau nach der Schlange von Maloja, einem seltenen Wetterphänomen, bei dem die Wolken wie Schlangen durch die Gebirgstäler schleichen, die titelgebenden Wolken.

Der Regisseur des Stückes ist der deutsche Klaus Diesterweg. Lars Eidinger spielt ihn wunderbar. Wie überhaupt Assayas ein Händchen nicht nur für die Schauspielerauswahl wie auch Schauspielerführung hat, auch vom Anekdotischen her lässt er sich nicht lumpen, siehe die Bemerkung über Henryk oder wie im Epilog die Aufführung des Stückes in London kurz bevor steht, kriegt die ältere der beiden Damen plötzlich Angst vor der jungen Konkurrentin und bittet sie, an einer bestimmten Stelle, ihr einen Blick zu schenken. Aus der Befürchtung heraus, dass ohne denselben das Publikum nur noch am Abgang der jungen hübschen Frau interessiert sei. Der umwerfend rotzige Star aus Amerika, Chloe Grace Moretz als Jo-Ann Ellis, ist allerdings um eine respektlose Antwort nicht verlegen.

Auch das Papparazzitum um solche Kaliber von Stars bezieht Assayas in sein Stück ein. Denn das junge Bijou aus Hollywood ist mit einem berühmten Autor zusammen, mit Johnny Flynn als Christopher Giles, der verheiratet ist und dessen Affäre mit Jo-Ann Ellis auf keinen Fall auffliegen darf. Das wird, welch Zufall, gut getimt zur Premiere die nötigen Schlagzeilen liefern. Klatsch belebt das Geschäft. Der wird heutzutage durch das Internet und Google noch zusätzlich angeheizt, auch die Möglichkeit, sich vorher schon über neue Kollegen zu informieren, auch die setzt Assayas genüsslich ein, es fängt gleich mit einem Anruf bei Google an, die Enders möchte einen Eintrag gelöscht haben.

Last not least: Angela Winkler hat wenige, bemerkenswerte Auftritte als Witwe Rosa Melchior. Und die Enders begründet ihre Zusage für die Rolle, denn richtig wohl fühlt sie sich nicht dabei, mit dem simplen Satz, I need the money.

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