Kino als direkte Reflexion zu hochaktuellen politischen Entwicklungen.
Hier als eine vertiefte Illustration zu den News über die Eroberung von Timbuktu durch die Islamisten. Worüber die Welt immer noch ungläubig den Kopf schüttelt – oder sich bereits daran gewöhnt hat.
Mit leichten Federstrichen und schönsten Wüstenbildimpressionen, mit dem Jagen einer Gazelle durch Militante von einem Jeep aus fängt Abderrahmane Sissako, der mit Kessen Tall auch das Drehbuch geschrieben hat, seinen Film an.
Eine Szene da, eine Szene dort. In der Stadt, in der Wüste, beim Fischer, beim Bauern und seinem Zeltlager. Und schon ist die Geschichte nebst der Illustration, wie die Islamisten mit ihren schwarzen Fahnen, ihren sonderbar verwahrlosten Kleidungen, die offenbar ganz genaue Bedingungen erfüllen, und ihren umgehängten Gewehren von Haus zu Haus gehen, im Ton grad gar nicht blustrünstig, eher im Stimmmodus der Aufklärung, dass die Fischverkäuferin bittschön Handschuhe für ihre Arbeit anziehen soll, dass die Männer die Hosen raufkrempeln müssen und der Imam, der gerade beim Gebet ist, der sagt ihnen, dass sie hier nichts zu suchen hätten.
Der angenommene Bub vom Bauern Kitane hütet dessen Kühe. Es passiert ein Unglück am Wasser. Eine Kuhe zerreißt dem Fischer die Netze – allein, was so ein Fischer fotografisch an Beifang für den Film hergibt, ist traumhaft. Der Fischer tötet die Kuh mit einem geworfenen Stock. Kidane kann das nicht ertragen. Begibt sich zum Fischer. Sie rangeln miteinander fußtief im Wasser. Ein Schuss fällt. Der Fischer liegt leblos. Er berappelt sich nochmal. Kidane hat sich entfernt.
Kidane wird von der islamischen Polizei verhaftet und kommt vor ein Schariagericht. Je haarsträubender für unserein die Begründungen und Texte bei so einer Verhandlung sind, desto natürlicher und leiser inszeniert sie Abderrahmane Sissako, dass man Gänsehaut kriegt. Überhaupt kommen dabei einige Eigenschaften dieser Dschihadisten schön zu Tag: allein das sprachliche Chaos, dass kaum einer den anderen versteht, verschiedene Arabisch, Französisch, Englisch, Tamschek und andere Wüstensprachen. Wie sie alle mit Handys hantieren. Wie die Dschihadisten überhaupt ein zusammengewürfelter und ungebildeter Haufen dazu sind.
Der Film zeigt auch, wie sie Strafen durchführen, Steinigung und Auspeitschung bleiben dem Zuschauer nicht erspart. Als Gegengewicht tanzt einer, der sich bei der bunten, immer mit einem Huhn dekorierten Zabou befindet, eine merkwürdig traumhaft, weltverlorene Pantomine. Schönes Detail: die Kuhe, die getötet wird, heißt GPS. Islamisierung durchs Megaphon. Der schwebend leichte Luftfußball, den die Kids spielen, weil Fußballspielen verboten ist. Überhaupt wie die Leute zuerst unerschrocken reagieren auf die Islamisten. Aber auch die betörende Musiksession wird brutal beendet und landet vor Gericht. Wie die Islamisten wie kleine Kinder mit dem Jeep umgehen und das Fahren lernen wollen.