Im Keller

Eine fröhliche Wissenschaft ist es nicht, die Ulrich Seidl, der mit Veronika Franz auch Idee und Konzept für diesen Film entwickelt hat, in die österreichischen Keller treibt. Vielleicht hat er dort cineastisches Gold vermutet. Was hat er überhaupt erwartet? Das, was er gefunden, inszeniert, teils präpariert und präsentiert hat?

Richtig ergiebig scheint die Ausbeute nicht gewesen zu sein, so dass Seidl an Augenfälligerem doch allzu lange hängen bleibt und nach einer Stunde etwa, da die Puste an Originalität längst ausgegangen ist, sich begnügt mit Trouvaillen aus dem Sado-Maso-Universum. Nur ist diese Weide cinematographisch längst abgegrast. Zumindest so wie er sie präsentiert.

Es scheint, dass Seidl den Figuren wenig Eigenleben gönnt, dass er sich gar nicht richtig interessiert für sie, für ihre Antriebe, sondern dass er sie mit eisernem Griff inszeniert, sie vor die Kamera stellt (oder zerrt?) oder setzt in ihrem Milieu, in ihrem so oder anders dekorierten Keller und reglos in die Kamera schauen lässt. Eine etwas ausgeleierte Methode, scheint mir. Die Menschen haben doch mehr Leben.

Oder dass er gar mit Gewalt eine Szene, die normalerweise in der Wohnung stattfindet, in den Keller der entsprechenden Dame verlegt und sie dort ihre Puppen aus den Kartons nehmen und herzen lässt. Vorher darf sie im Morgenrock in dem mehrstöckigen Mehrfamilienhaus einen langen Gang alle Treppen runter bis zu ihrem Keller gehen. So ein Gang trägt immer im Film. Ein Mensch, der durch einen Raum geht. Da ist minimales Regie-Handwerk erkennbar.

Seine Fundstücke waren: der Altnazi, der im Keller Hitlerbilder hängen hat und mit seinen Blaskapellenkameraden gerne eins über den Durst trinkt, der Jäger, dessen ausgestopften Jagdtrophäen aus Afrika die Kellerwände zieren, der inzwischen verwaiste Clubraum, der professionell eingerichtete Schießstand des verkappten Opernsängers, der Musikkeller für Kids, die Frau mit der Riesenschlange, hier wartet Seidl, bis die Schlange die zutrauliche Maus mit schneller Bewegung schnappt und verschluckt, die Modelleisenbahn, die Waschküche, das wars dann und deshalb noch die Sadomasokabinette draufgepackt.

Wer vor noch nicht allzu lange Zeit sehr viel mit einem Keller anfangen konnte, das war der inzwischen an den Rollstuhl gebundene Bernardo Bertolucci mit seinem Ich und Du. Er hat uns gezeigt, was sich in einem einzigen Keller alles erzählen lässt. Auch im eher merkwürdigen Film „Guten Tag, Ramón“, noch in der Warteschlange der Kinostarts, gibt es eine signifikante Kellergeschichte, hier darf der gestrandete Mexikaner bei einer wohltätigen Wiesbadnerin unterkommen – im Mitleidskeller.

Sado-Maso doch billig als Sensation verkauft, man vergleiche den Film mit dem New Yorker- Masochisten-Künstler „Sick: The Life & Death of Bob Flanagan, Supermasochist“ ; beim Vergleich wird deutlich, wie billig es sich Ulrich Seidl hier macht.

Keller sind schnell erzählt. Darum muss gedehnt werden, denn Stammtischpalaver, egal wie rassistisch, ist nicht abendfüllend.

Mit welcher Pikanterie der Herr Seidl doch aufwarten kann, dass der Nachtwächter des Burgtheaters zuhause nackt Klo und Dusche sauber lecken muss (eine Szene, die in der Wohnung und nicht im Keller stattfindet!). Das ist das Material, aus dem gewisse Blätter ihre Schlagzeilen produzieren. Seidl hält es nicht anders, nur kommt es bei ihm noch dicker mit dem Dekuvrieren: er zeigt selbigen Herrn gefesselt auf dem Folterbett, wie ihm seine ihn liebende Gattin die Hoden am erigierten Penis mit einem Seilzug in die Höhe zieht. Sich am sogenannt Perversen delektieren.

Seidl versucht mühsam, dem Keller die Würmer aus der Nase zu ziehen. Er stellt die Figuren aus wie Wachsfiguren.

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