Höhere Gewalt

Luzide, skandinavische Familienaufstellung in hochtechnisiertem, französischem, Skiparadies, was uns zeigt, wie diffizil der Zusammenhalt und wie kostbar eine Familie ist und wie schnell diese heikle Balance aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Thomas soll von seiner Arbeit ausspannen und fährt mit seiner Frau Ebba und den beiden Kindern Vera und Harry für eine Woche in den aus dem Boden gestampften Retortenressort hoch in den Alpen zum Skifahren.

Diesen Ressort mit seiner gewaltigen Maschinerie nimmt Ruben Östlund (Play), der Autor und Regisseur dieses Filmes, als faszinierenden Rahmen für sein Filettieren der Kleinfamilie. Die Kolonnen von Pistenraupen, die Berieselungsanlagen, die Seilbahnen und Sessellifte, die Kanonen, mit denen dauernd Lawinen vorbeugend ausgelöst werden, und bei Nacht das dichtgedrängte Lichtermeer auf diesem urbar gemachten Felsvorsprung. Auch die Kompliziertheit des Skifahrens in dieser modernen Welt gibt Östlund ergiebige Rahmenbilder, allein in den Skianzug zu steigen, die Skier zu befestigen oder das Pinkeln in so einem Teil.

Eingeführt wird die Familie als eine glückliche Vier-Personenfamilie bei einer Fotosession mit einem Tourismusfotografen, ziemlich dilettantisch seine Anleitungen, aber entzückend die Bilder. Ein besonderer Farbtupfer im Film, wie SciFi, ist die Drohne, die Sohn Harry vom Appartementzimmer aus nächtens durchs Bergtal fliegen lässt.

Die Unebenheit in der Familie ist minim. Papa hat sich frei genommen. Pappa will nicht ans Handy. Er geht dann doch, aber nicht gehetzt und Mama nimmt es belustigt zur Kenntnis. Kein böses Blut. Der Fall, der die Krise und damit die Thematik im Film auslöst, ist eine Lawine, die bei einem Aufenthalt der Familie auf der Sonnenterrasse eines Restaurants immer näher kommt. Papa meint beruhigend, das sei eine kontrollierte Sprengung. Aber der Staub überrennt die Terrasse. Panik wird ausgelöst. Schäden sind nicht zu besichtigen.

Die Schäden sind fragilerer Natur und tauchen erst im Nachhall auf. Ebba ist der Meinung, Thomas habe im Augenblick der Gefahr nach seinen Handschuhen und seinem Handy gegriffen und sei losgerannt, während Ebba den Mutterinstinkten folgte und sich um die Kinder kümmerte. Das stößt Ebba urplötzlich auf.

Was ist der Mann. Allein und als Vater einer Familie? Das ist hier die Erörterung. Als Vorwurf von seiner Frau, er kümmere sich nur um seine Belange. Als Gesprächsthema mit einem Kumpel, der geschieden ist und mit einer 20jährigen Blondine urlaubt. In Gesprächen mit einer anderen Frau, die verheiratet ist und mit Selbstverständlichkeit ihre Abenteuer mit anderen Männern hat.

Hier im Film wird Thomas eine Läuterung durchmachen. Die ist schauspielerisch etwas zwiespältig. Und – das ist vielleicht eine Folge davon, dass Ruben Östlund sich sein Thema doch nicht ganz präzise klar gemacht hat, dass das Ende sich zieht, weil er auch Ebba Gerechtigkeit widerfahren lassen und zeigen will, dass sie nicht nur das vorbildhafte Mutterinstinkttier sei.

Auf Distanz betrachtet eine doch recht akademische Erörterung, aber prima eingebettet in ein bildergiebiges Bergressortpanorama. Auch ein Begriff, wie „der Meute trotzen“, der einmal in diesem industrialisierten Massenskibetrieb fällt, wirkt eher akademisch. Oft aber werden die Diskussionen mit kleinen Einfällen, die aus dem Leben sein könnten und die recht treffend sind, unterbrochen, die Drohne des Buben, die in einen Gast zu fliegen droht, weil Harry im Nebenzimmer die Diskussion für unerfreulich hält. Oder die Vision eines orgiastischen Männerbesäufnisses, nachts, halbnackt, im Schnee. Eine urige Figur ist der Mann vom Room-Service, der wie ein Waldschrat wirkt oder aus einem amerikanischen Gangsterfilm entstammen könnte.

Die Mechanik einer alles planierenden, modernen Ski- und Pistenindustrie bildlich der Mechanik einer sich ausbreitenden schlechten Stimmung in einer Familie entgegengesetzt.

Dass er sich thematisch auf dünnem Eis bewegt, beweist der Regisseur, mit dem hinausgedehnten Schluss, in dem es ihm nur darum geht, zu zeigen, dasss die Frau auch nicht der edle Charakter ist, als die sie sich aufgeführt hat. Aber das war doch gar nicht das Thema. Das Thema war doch mehr, wie jemand, das war zufällig sie, die Balance in der Familie, die dadurch als eine höchst sensible aufgezeigt wird, durch die Interpretation des Verhaltens des Partners bei der Beinahkatastrophe fundamental ins Wanken bringen kann, ja das Zusammenbrechen riskiert und zwar mutwillig, wie es scheint. Wenn man hier aber weiterbohrt, kommt man schnell in Schwierigkeiten. Oder ist die Frau die, die allein durch das Beharren auf dem Vorwurf des Egoismus ihm gegenüber die schlechte Stimmung in die Familie bringt?

So apart das Ineinanderschneiden von Familienkrise und alpinem Skizirkus und brillant gemacht ist, so dünn erweist sich die zugrundegelegte Behauptung für die Familie.

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