Pride

Pep, Tempo, Temperament, beherzte, humorvolle Menschlichkeit und soziale Engagiertheit nebst selbstverständlicher Beherrschung der filmischen Mittel schließen in diesem Film von Matthew Warchus nahtlos an an den britischen Erfolgsfilm „Ganz oder Gar nicht“ an, in welchem das Thema Arbeitslosigkeit behandelt worden ist.

Hier liegen dem Buch von Stephen Beresdorf Ereignisse aus der eisigen Thatcher-Ära zugrunde, die monatelangen Streiks der Berg- und Minenarbeiter im Sommer 1984. Wie die wirtschaftliche Lage der Gewerkschaften immer prekärer wird, erhalten sie Unterstützung von unerwarteter Seite, von Aktivisten der Schwulen- und Lesbenszene aus London, die leiden ebenfalls unter dem Thatcherismus und unter Polizeiwillkür und sammeln in Plastikeimern Geld für die streikenden Bergarbeiter.

Der Film hat sich eine gut sortierte Gruppe dieser Bewegung herausgesucht und beschreibt nun, wie sie versuchen, Kontakt zu den Bergbauleuten aufzunehmen. Sie möchten eine Ortschaft in Wales unterstützen. Die Suche gestaltet sich nicht leicht. Zuerst einmal stoßen sie bei den gepeinigten Gewerkschaften auf Vorurteile und Ablehnung.

Fündig wird die Gruppe in der walisischen Ortschaft Onllwyn. Anrührend bis komisch, wie der Erstkontakt am Telefon verläuft. Die ältere Lady in Onllwyn hat einen ellenlangen Weg durch eine große Halle, bis sie endlich am Telefon ankommt und mit welch wunderbarer Selbstverständlichkeit sie erst gar nicht versteht und dann doch versteht. Wie der Gemeindechef Dai sofort ein offenes Ohr hat, weil sie dringend Geld brauchen. Wie er nach London fährt zum Erstkontakt, dort die schwule Szene kennenlernt. Wie die Gruppe mit ihrem abenteuerlichen Bus in Onllwyn ankommt, um der Gemeinde und der Gewerkschaft ihr Unterstützergsmodell vorzustellen.

Das alles wird in dieser wunderbaren Art erzählt, dass man sich immer auf den nächsten Schritt freut, dass man schnell ahnt, was als nächstes auf einen zukommt und weil die Figuren individuell charakterisiert sind, wie sie auf neue Situationen regieren. Wobei Überraschungen nicht ausgeschlossen sind. Bei der Gay-Truppe ist die hervorragende Figur Mark mit Elvis-Tolle, momentweise auch mit einem ähnlichen Timbre, ein höchst präsenter, agiler und temperamentvoller, gleichzeitig beherrschter Nachwuchsschauspieler, Ben Schnetzer.

Das Projekt kommt keineswegs gradlinig ins Ziel. Denunziation durch die Presse ist ein ernsthaftes Hindernis. Es ist leicht, aus der Situation vorurteilsbeladene, negative Schlagzeilen zu produzieren. Aber in so einen Film bahnt sich die Gerechtigkeit dank der Beherztheit und Unnachgiebigkeit einiger Akteure ihren Weg zu einem anrührenden, so auch nicht unbedingt vorgesehenen Happy-Ending nach zwei Filmstunden, die wie im Fluge vergehen.

Hier ziehen Schwule, Lesben, walisische Hausfrauen und Grubenarbeiter am Ende beseelt an einem Strang. Ein Gesellschaftsmodell von Solidarität, was heute bei all den verbissen-chronischen Unruhreherden auf der Welt von der Ukraine über Israel/Palästina, Irak, Syrien, Libyen und das Verhalten der westlichen Großmächte dazu weitgehend verloren gegangen scheint. Die Figuren werden keineswegs heroisiert dargestellt, es menschelt in allen Gruppierungen, aber das Ziel der Gerechtigkeit und des Protestes gegen Unterdrückung eint sie schließlich, steht größer da als individuelle Ansprüche oder Begrenztheiten.

Provokanter Satz von Mark bei der ersten Vorstellung im Versammlungshaus von Onllwyn: Jeder 5. ist schwul, also auch jeder 5. Bergarbeiter. Selbstverständlich darf der Satz, dass jede Frau im Innersten eine Lesbe sei, auch nicht fehlen; aber auch der wird nicht aggressiv, sondern amüsiert vorgetragen, schau da, schau da, zählt mal ab.

Im Lederlokal lernen die Landeier bei einem Besuch in London, dass man um die engen Klamotten anzuziehen Talkumpeter nehmen muss. Solche Details machen die Schmiere der Menschlichkeit in so einem Film aus. Aber: Solidarität ist kein Geschenk des Himmels, sie will erarbeitet sein. Dazwischen wohldosiert montiert hinreißende Ewigkeitsaufnahmen vom filmschönen Wales.

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