Das Salz der Erde

Der Film fängt mit einer Reihe atemberaubender Schwarz-Weiß-Fotos aus den 50ern oder 60ern des letzten Jahrhunderts an: eine riesige Goldmine in Lateinamerika. 500 Menschen springen und klettern runter und rauf an steilen Leitern und Abhängen, im Aufwärtsweg mit einem schweren Sack Golderede auf dem Rücken. Es ist nicht das Bild von Sklavenarbeit. Die Männer machen das freiwillig, die Hoffnung, eines Tages ein Kilo Gold zu finden, lässt sie die gefährliche Schwerstarbeit machen.

Das hatte den Brasilianer Sebastiao Salgado so fasziniert, dass er tagelang mit den Goldsuchern mitgeklettert ist und Fotos geschossen hat, die einen heute wie mit einem Hammer treffen. Um diesen inzwischen weltberühmten Fotografen geht es in dieser Dokumentation, die Wim Wenders zusammen mit dem Sohn des Fotografen, Juliano Ribeiro Salgado, unter Drebhuchmithilfe von David Rosier erstellt hat. Wobei das ein Understatement ist. Denn das dürfte die nachhaltige Wirkkraft des Filmes ausmachen, dass in ihm drei kongenial starke künstlerische Kompetenzen zum Tragen kommen.

Einmal Salgado selber, der auf älteren Bildern entfernt an Picasso erinnert. Er stammte aus einfache Verhältnissen in Brasilien, studierte Wirtschaft und startete eine Karriere bei der Weltbank. Er ist also, bevor er zum Fotografen wird, ausgerüstet mit soliden Kenntnissen über wirtschaftliche Zusammenhänge. Aber wie seine Frau, sie haben in Paris gewohnt, eine Kamera geschenkt bekommen hat, hat Salgado sein Instrument gefunden und war nicht mehr aufzuhalten. Es hat nicht lange gedauert, bis er sich entschied, die Weltbänkerei an den Nagel zu hängen und als Fotograf seinen Unterhalt zu verdienen.

Die andere, starke künstlerische Handschrift stammt von Wim Wenders, inzwischen einem Altmeister, der aber in einer Kombination wie der vorliegenden offenbar zu neuen Qualitäten findet, einem Altmeister von Rhyhtmus, Schnitt, Framing, Geschmack, Stil, Filmästhetik und instinktsicherer, geschmackvoller musikalischer Untermalung. Somit kommt zum Substanziellen des Fotografen das stilsicher Stilistische des Filmemachers hinzu. Wobei der Beitrag des Sohnes Juliano Ribeiro von Salgado vielleicht schwerer zu entschlüsseln ist.

Es gibt eine Szene, in der auch klar wird, dass es für ein Dokumentaristen-Team nicht einfach ist, einen Fotografen zu dokumentieren, denn im Huium sind sie auf der Linse des Portraitierten, er kümmert sich nicht um das Team, wie ein Jäger ist er hinter seinem Motiv her. Da gibt es aus dem Polarkreis schöne Aufnahmen, wie sie auf einem Geröllboden sich voranrobben, um näher an Seelöwen heranzukommen.

Generell folgt der Film dem Lebenswerk von Salgado, das mit den Portraits von Arbeitern anfing, sich mit der Landlosen-Bewegung in Lateinamerika beschäftigte, indigene Völker aufspürte, sich dann mehr den Katastrophen in Afrika, oft in Zusammenarbeit mit „Ärzte ohne Grenzen“, zuwandte, Sahel-Zone, Äthiopien, Ruanda, Kongo oder in Kuwait die unglaublichen Bilder von den brennenden Ölquellen, 500 Stück hatte Saddam-Hussein in Brand gesteckt, erschütternde Bilder von erschütternden Katstrophen, leider heutzutage von so vielen, undenkbar neuen Katstrophen bereits wieder überlagert, schließlich, aufgrund der Verödung des Hofes seiner Eltern, jetzt „Istituto Terra“, Hinwendung zur Wiederaufforstung des Urwaldes als seinem Meisterwerk, seinem Opus Magnus und als ein Liebesbrief an den Planeten wird „Genesis“ angeführt, jahrelang hat er sich der Naturfotographie zugewandt und dabei allerlei auch amüsante oder berührende Stories zu erzählen, Begegnung mit einem respektvollen Wal oder mit einem Menschenaffen, der sich im Spiegel der Linse das erste Mal selber sieht. Nicht weniger erstaunt betrachten wir diesen Film.

2 Gedanken zu „Das Salz der Erde“

  1. Der Film kommt etwas sehr pathetisch daher, die Filmmusik ist entsprechend getragen. Ganz schlimm die Einblendungen des Gesichts von Salgado in seine Photos. Wim Wenders treibt fast eine kleine Heldenverehrung. Typischer Alt-Männer-Film! Da ich viele der gezeigten Gegenden selbst individuell bereist habe, kann ich das ja zum Glück alles ganz gut einordnen. Ich kann nur sagen, traue einem Fotografen nicht zu sehr.

  2. Vielen Dank, Anna, für Ihren Kommentar. Pathos und Heldenverehrung sind sicher spürbar vorhanden. Mich würde allerdings interessieren, was daran so typisch Alt-Männer-Film ist; was wäre anders, wenn es ein Jung-Männer-Film wäre, wenn es ein Alt-Frauen-Film wäre, wenn es ein Jung-Frauen-Film wäre?

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