Der Kreis

Ein verdienstvoller Film. Er behandelt ein Stück Schwulengeschichte der Schweiz, was weit über die Schweiz ausgestrahlt hat. Sein Standpunkt ist dezidiert nicht insiderisch sondern der achtungsvoll-behutsamer Hingabe von außen. Stefan Haupt verbreitet mit diesem Film die heimelige Atmosphäre einer Bibelstunde. Wir sind in einem geschützten Raum. Wir haben alle Verständnis für solche, die anders sind, wir proben die tolerante, subtile Art der Annäherung.

Allerdings können sich die Autoren, das sind Stefan Haupt, Christian Felix, Urs Frey und Ivan Madeo nicht so richtig entscheiden, ob Melodram, ob Abriss der Schwulengeschichte oder ob Liebesgeschichte der beiden Protagonisten (des inzwischen verpartnerten Seniorenpaares, das als erste Schwule in der Schweiz geheiratet hat) in den Hauptfokus zu setzen. Entschuldigt wird dies vielleicht durch den Umstand, dass Haupt sich für eine Mischform aus Fiktion (also nachinszenierten Szenen) und üblicher Dokumentation aus Interviews und Archivmaterial entschieden hat.

Ernst und Röbi, Melodram oder Emanzipationsgeschichte? Die Inszenierung ist jedenfalls rücksichtsvoll, fast andächtig leise wird zum Teil gesprochen, als ob man die Geschichte wie ein verletzliches Gut behandle.

Der Titel weist darauf hin, dass hier die Geschichte der Schwulenzeitschrift „Der Kreis“ im Mittelpunkt steht, die engagierte Schwule in Zürich jahrelang herausgegeben hatten; bis sie in den frühen 60ern aufhören mussten. „Der Kreis“ war auch eine eingeschworene Schwulengemeinschaft; da in der Schweiz der Paragraph 175 früher gestrichen wurde als in Deutschland, ist sie zu einem Paradies für Schwule geworden und der jährlich organisierte Ball zog Schwule aus aller Herren Länder an und sei damals weltweit einmalig gewesen.

Bis Morde im Strichermilieu die Stimmung in Zürich kippen ließen; Schwulität war zwar nicht verboten, aber registrierbar. Das setzte die Staatsmacht brutal um, das zeigt der Film schonungslos.

Mehr Mühe als auf Drehbuch und Schauspielerauswahl scheint die Produktion auf die glaubwürdige Ausstattung von 60er-Jahre-Innenräumen verwendet zu haben. Die sind eine eigene Museumsbesichtigung wert, so viel 60er Jahre dürfte es damals kaum je an einem Ort so ramassiert gegeben haben; das versetzt den Film in ein leicht distanzierendes, künstliches, museales, sympathisch schummrig wirkendes Licht.

Prima Besetzungen sind vor allem die beiden Hauptdarsteller Matthias Hungerbühler als Lehrer Ernst und Sven Schelker als Röbi, der leinwandgewinnend ist, sei es als Mann oder als Frau, ob er singt oder charmiert. Während Anatole Taubmann mit seinem Spiel als Felix wie nicht integrierbar ins Kreis-Ensemble wirkt, wie ein Doppelagent. Besetzungs- oder Rollenarbeitsproblem? Gerne hätte man allerdings mehr über den Beruf von Röbi erfahren, anfangs sehen wir, dass er Coiffeur ist und dass er Travestie-Auftritte macht. Hat er das später als seinen Beruf ausgeübt?

Marianne Sägebrecht als die tolerante Mutter von Röbi hat in Stefan Haupt einen sie gut führenden Regisseur gefunden. Die teils heftigen Kämpfe, die ein Coming-Out mit sich bringen kann, werden ausgelassen oder nur höchst distanziert erzählt, ist ja bei der Familie von Ernst auch gar nicht gewollt gewesen.

Wie ein Amen in der Kirche wirkt das Schlusswort – vor dem Rest der Abspannes – wenn Ernst vor dem Lehrerkollegium noch ein verschlungenes Wort zum Selbstmord des Schulrektors sagt (brav verheiratet, zwei Kinder, aber mit schwulen Neigungen versehen): da fällt auf; ein Film ist ja fürs Publikum von heute gemacht; dieses wird einer vermuteten historischen Genauigkeit zuliebe wie ausgeblendet. Hört sich so besehen an wie ein liturgisches Amen.

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