Coming In

Wenn in einem deutschen Film unter den Drehbuchautoren der Name Jane Ainscough auftaucht, besteht Gewissheit, dass wir es mit dem neuen deutschen Gefühlskino (was eo ipso ein menschelndes Biederkino ist) zu tun bekommen („Alles ist Liebe“, der Ende Jahr ins Kino kommt, Miss Sixty, Der fast perfekte Mann, Eltern, Omamamia, Hanni und Nanni 2). So ist es auch hier, nebst ihr stehen als Drehbuchautoren Marco Kreuzpaintner und Christoph Müller. Kreuzpaintner hat auch die anfangs recht hackelige Regie mit viel überflüssigem Text der Darsteller, die anfangs noch recht steif wirken, geführt.

Gefühlskino also, und die deutschen Darsteller lernen zusehends so eines zu spielen, wenn auch noch nicht alle gleichermaßen, ein Gefühlskino, welches vielleicht im Bereich der bunten Blätter in einem Frisörsalon anzusiedeln wäre, und welches hier explizit eine Verführung in umgekehrter Richtung zum schwulen Outen, dem Coming Out schildert, eben einem Coming In, die Verführung eines geouteten und offen schwul lebenden Mannes zur Heterosexualität.

Ein Themenfilm gewissermaßen, der sich offenbar an jene vermutete Mehrheit im Lande wendet, für die die konstitutionelle Bisexualität des Menschen keine Selbstverständlichkeit ist. Große Gefühle vor begrenztem Geisteshorizont.

Die Verführung findet statt durch Eylin Tezel, sicher eine der spannenderen jüngeren Darstellerinnen im Filmland. Sie betreibt in Neukölln einen wunderschön weltvergessenen Damensalon für Kundinnen, die Neukölln nie verlassen haben und nie verlassen werden. Ihr „Opfer“ wird der schwule Frisör- und Kosmetikstar Tom Herzinger. Die Idee seiner Geschäftspartner ist die, mit seinen Kosmetikprodukten auch den Markt für die Heten zu erschließen. So soll er die Frauen in dem kleinen Salon kennenlernen. Was er auch mit einer Perücke und unter dem Namen Horst tut. Da wirken Kostja Ullmanns treuherzige, große Augen wirklich niedlich.

Es gibt noch einige Geschichten drum herum. Da ist sein Freund und da sind seine Geschäftspartner, die ein Problem damit haben, dass Tom sich plötzlich für Frauen interessiert. Es gibt die entzückenden Eltern von Heidi, es gibt einen Theaterbesuch von Romeo und Julia und selbstverständlich das Thema Berühmtheit, Blitzlichtgewitter und Papparazzi.

Egal, wo der Film spielt, es finden sich dauernd Gelegenheiten für putzige Sprüche und Witzchen, die Differenz der geschlechtlichen Orientierung und die Probleme damit artikulierend, gerne auch am Rande der Klamotte.

Allmählich stellt sich im Zuschauerraum ein wohliges Family-Feeling ein, auch dank der Musik und der Erkenntnis, dass ja kein Mensch böse sei, und dass wir das alles bestens verstehen. Und dass jeder irgendwann mit irgendwem sein Glück findet. Im Grund geht es um die Nuancen, oder wie Frisöse stur korrigiert: die „Nüansen“ (was gelesen werden kann wie der Unterschied zwischen Neukölln und dem Rest der Welt oder wie der zwischen Schwulen und Heteros).

Sie leben mit einem Mann zusammen? Ja. Das muss das Leben um vieles einfacher machen.
Und die Weisheit, dass man sich gerne in das verliebe, was man nicht haben kann.
Frisörkino.

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