Das Glück beim Tanzen (TV arte)

Das traurige und wohl auch tanzpolitisch kritische Fazit dieses Filmes ist, dass der begabtere der beiden Protagonisten, Syl, nicht genommen wird beim Casting, während Frenzy, der alles Syl zu verdanken hat, genommen wird und dann sogar in der Show der Hauptdarsteller sein wird.

Die Idee ist sicher ganz nett, Bauernjunge, der auf dem elterlichen Hof mitarbeiten muss, schafft es mit seinem Kumpel zu einem Vortanzen in Paris – als Anfang der Träume.

Nur müsste das vom Buch her auch ein bisschen vorbereitet sein. Man müsste erfahren, wieso Tanzen für ihn wichtig ist (er sagt nur, das mache ihm den Kopf frei); und worin sein Unglück auf dem Bauernhof begründet liegt. Sein Motiv müsste kenntlich werden. Nun, nicht alles was aus Frankreich kommt, ist Gold. Über eine halbe Stunde lang schreibt Camillie Fontaine, die Autorin des Drehbuches, willkürlich bäuerliche Szenen hintereinander (Misten, Melken, Kälbchen die Flasche geben, Traktor fahren und dazwischen tanzt die Hauptfigur, so ganz unbäuerlich besetzt). Besonders unglücklich wirkt unser Protagonist dabei nicht.

Es gibt zwei Schlüsselszenen im Film, die sind in Richtung traumhaft. Das eine ist der Erweckungstraum von Franzy, nachdem er mit einer Freundin mit halluzogenen Pilzen vermengtes Hasch-Zigaretterl geraucht hat: eine nächtliche Tanzszene wie ein Scherenschnitt vor tiefblauem Vollmondhimmel und dem filigranen Geäst von zwei Bäumen. Nachher weiß der Bauernjunge, dass er tanzen muss. Die andere Szene ist am Schluss, die könnte eine Hommag an Muhammed Ali sein, so leicht tanzen die Darsteller als Boxer in der Show. Mit dem Lockenkopf sieht Frenzy das erste Mal auch attraktiv aus.

Die Wichtigkeit des Tanzes für Frenzy wird nur theoretisch erläutert: als Frenzys Vater starb, habe Syl ihn zum Hipphoppen gebracht und damit über die Trauer weggeholfen.

Das Hängenbleiben oder Weggehen vom Land, das wird nach einer Stunde ein bisschen das Thema im Film. Sporadisch eingestreut zwischen künstlicher Besamung und der Feier für den 1. Preis der Milchkuh Shakira. Hier setzt der Film aufs Melo.

Nach vierzig Minuten sind die beiden Freunde, die eine merkwürdige Mechanik im gegenseitigen Körperkontakt zeigen, beim Vortanzen in Paris.

Im letzten Drittel entwickelt die Dramaturgie sich allmählich mit einigen Twists, dass zuerst klar ist, dass beide genommen worden sind, der Bauer aber auf gar keinen Fall hingeht, dann die Erkenntnis, dass er gehen wird und die entsprechenden Diskussion zuhause bis zum Packen. Die Entfremdung seinem Freund und Vorbild Syl gegenüber, bis dieser schließlich reuig gesteht, dass er nicht genommen worden sei. Am Bahnhof verabschieden sich die Freunde mit einer schöner Tanznummer mit einem reziproken Pas de Deux über die Bahnsteige hinweg.

Ein Film, der einen langen Anlauf nimmt, um dann melodramatisch zu schlingern, der die Hauptmotivation für den Protagonisten Frenzy nur theoretisch nachliefert, erst kurz vor Ende im Gespräch mit Syl.

Die deutsche Synchro ist lieblose Routine mit wenig Rücksicht auf den ganz unbäuerlich zusammengemixten Cast.

2 Gedanken zu „Das Glück beim Tanzen (TV arte)“

  1. Mich hat der Film gepackt und schon an andere französische Filme erinnert. Aber ich bin „belastet“: Ich habe genau eine solche Jugend erlebt. 7 Tage die Woche Kühe melken, jeden Pfennig umdrehen und alle anderen Träume wurde dem untergeordnet. Allerdings hatte ich kein spezifisches Talent…
    Das krasse unterdrücken aller jugendlichen Träume, sei es nun Rockstar, Tänzer oder Sportler, funktioniert in einem solchen Umfels so perfekt, dass es tatsächlich nicht zu wirklichen Gefühlsausbrüchen kommt. Daher konnte ich diese bestimmte Zähigkeit des Filmes nachvollziehen. Auch der Umgang miteinander (..mechanischer Körperkontakt..) ist sehr treffend dargestellt. Mensch freut sich nicht täglich den anderen zu sehen, weil er ihn 24 Stg. am Tag sieht. Und das Korsett wird durch die tägliche Pflicht immer enger. Bei Frenzy waren es Drogen, die ihm zumindest einen kleinen kick gaben. Bei seiner Mutter reichte ne gute Portion Alkohol um an ihre Träume zu kommen. Andere haben geschrieben um aus dieser Enge herauszukommen (Hubert Fichte).
    Für mich ist der Tanz in dem Film nur die Krücke um aus dieser dörflich-familiären Enge herauszukommen. Tanz/Bewegung als unbewusste Thearapie für einen Jugendlichen.
    Sensibel, nicht zu viel Pathos und mit offenem Ende. Ein wunderschöner Film!

  2. Vielen Dank, Heiner, für Ihren Beitrag. Der persönliche Hintergrund mag einen anderen Zugang zum Film ermöglichen. Theoretisch ist mir das schon klar, was gemeint ist. Nur hat es sich mir durch die Darstellung, die Inszenierung nicht sinnlich nachvollziehbar erschlossen. Vielleicht müsste man den Film erst mal im Kino sehen, um ihm nicht unrecht zu tun.

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