Polizeiruf 110: Smoke on the Water (TV ARD BR)

Darum lieben sie ihren Dominik Graf, den Regisseur und Drehbuchautor. Geschmackvolle Interieurs. Geschmackvolle Darsteller. Etwas linkes Engagement (Plakate wie „Leidenschaft“, „Erhebt Euch“, „Widerstand gegen Militarismus“ oder der liebevolle Plakatverhau im Cafe Stöpsel und weder Autorenbuchhandlung noch der Exkurs zu den Kurden und Jessiden darf fehlen; Bekenntnis-Ästhetizismus). Geschmackvoll-graphische Abbildung eines Schädels. Mehr impressionistisches Mixen von Bildern als hartnäckiges Verfolgen und Ergründen einer Sache. Gerne auch Wiederholungen von Bildern. Dazwischen Klatsch-Philosophie über Bunte-Leser: die das Leben lieber anderen überlassen, weil sie Angst haben, es komme etwas an sie ran. Oder Lebensphilosophie: dass das Glück nie Spuren hinterlässt, es sind immer nur die dunklen Tage; zum Beweis dafür eine süße Zeig-mir-Deine-Wunden-Szene zwischen Kommissar und lesbischer Freundin des Opfers. Etepetete-Ästhetizismus.
So einen Film von Dominik Graf anzuschauen ist weniger Filmgenuss denn ein Erlebnis, wie das Durchblättern eines geleckten Hochglanzmagazins von Condenast.

Der Kommissar Brandt, der in seinem Habitus immer mehr an einen früheren Bundeskanzler erinnert (die um ihn herum spielen den König), der ist so ein patenter Kerl, der massiert dem Haupt-Verdächtigen sogar mit den Füßen den Rücken. Das ist ein bisschen wie ein Schlaraffenland. Dominik Grafs Schlaraffenland. Spielzimmer für Buben einer gehobeneren Gesellschaftsschicht.

Vor lauter Schönheit und Ästhetizismus und Bildimpressionismus und vor lauter Ineinandermix von Verhörszenen mit Erinnerungsszenen hätten wir fast vergessen, dass es sich hier um einen Kriminalfall handelt, den der Kommissar lösen muss. Eine Journalistin ist mit grandios malerisch verspritzten Blutspuren (und selbst dieses Detail wird noch zu einem gestischen Wiederholungsrefrain ausgewalzt sowohl vom Kommissar als auch vom Verdächtigen; Suhlen in sinnentleerter Ästhetik; Blutspritzen um des Blutspritzens willen). Ein Jazzmusiker (was wiederum Anlass für Szenen aus der Kulturwelt des „Jazz-Tunnels“ und Musikeinlagen bietet) wird des Mordes an der Journalistin bezichtigt und gesteht auch. Es ist Mischa Eigner, ein Künstler; „gesellschaftliches Fallobst“ (diese Folie braucht die Mehrbesseren-Schicht). Er hat den Fehler gemacht und wollte seinen Traum vom Künstlertum verwirklichen, aber 1200 netto reicht kaum für die Miete in München.

Jedenfalls ist in Minute 38 des Eineinhalbstünders bereits klar, wer wirklich der Täter ist. Aber botticellihaft schöne Fickszenen sind eben auch nicht zu verachten.

Welchem Verbrechen die Journalistin exakt auf der Spur war, das geht leider im blumigen Ästhetizismus unter. Der Weg des Kommissars führt zu einer Abhörstation im Voralpenland (NSA?), zu einer alt-eingesessenen adeligen Familie und der Rüstungsindustrie.

Da die Dialoge gar nicht oder nicht gut gearbeitet sind, versuchen die Darsteller wenigstens, ihre Bandwurmsätze unfallfrei abzuliefern.

Als Countdown gibt es ödes Kokolores mit maskierten Polizisten in der Villa des Haupverdächtigen. Kindertheaterspooky, der Kommissar als Märtyrer gefesselt am Fußende einer Treppe liegend, semireligiöser Schnieck.

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