20.000 Days on Earth

Dieser Film umfängt den Zuschauer wie ein seidenausgestatter Alkoven, parfümdurchflutet, in welchem der Künstler Nick Cave stilbewusst und stilsicher sein Rockstartum zelebriert und den Gast im Kinoraum daran teilhaben lässt, wie er sich selbst ein angemessenes Denkmal baut mittels eines gediegenen, impressionistisch-expressionistisch-britischen Design-Kinos, was Iain Forsyth & Jane Pollard ihm huldigend zu Füßen legen.

Dass es sich dabei um dimpfeliges Ikonenbuilding zum 55. Geburtstag des Stars handelt, wird allerdings geschickt verschleiert und getarnt durch die höchst geschmackvoll geschossenen und zusammenmontierten Bilder.

Eine wahre Bilderflut, meist wundervoll beleuchtet, mit Samthandschuhen inszeniert oder so behutsam angefasst, wie der Archivar die „Weather Diaries“ des Künstlers umblättert, die er einsten als Neuankömmling in England verfasst hatte, weil ihn als Australier das englische Wetter nicht kühl gelassen hat.

Es gibt inszenierte Szenen, Gespräche mit anderen Musikern, teils im Auto oder beim Kochen, im Auto wenn der Künstler selber am Steuer sitzt. Oder in Talkshow-Sesseln und portraithaft beleuchtet im Gespräch mit dem Thearpeuten, der ihn über seine ersten Erinnerungen befragt, immer die Frauen oder das Verhältnis zu seinem Vater, der ihm als erstes „Lolita“ von Nabokov vorgelesen habe.

Es gibt, wie in solchen Filmen üblich, die Requisiten, Fotoalben, nennen wir es die Reliquienshow. Aber auch hier nicht platt vor die Kamera gehalten, sondern auf eine unruhige Mauer als Projektion geworfen oder gar auf einer eigens herabgelassenen Leinwand als richtiges Bild projiziert.

Der Star zelebriert sein Künstlertum und was es mit dem Schreiben auf sich habe. Wie die Künstlerwelt etwas ganz anderes sei als der Alltag. Der Rockstar schreitet oft in diesem Film und stets im weißen Hemd und garantiert maßgeschneidertem, elegantem Anzug durch Brighton, auf Häuser zu, zum Auto, durch Studios, durch Gänge oder Flure. Immer im gleichen gesetzten, entschiedenen Rhythmus, der den Titel des Filmes, 20.000 Tage auf der Welt mit seinem federnden Schritt Lügen strafen möchte.

Auch zeugungsfähig ist er, nicht nur anbandelfähig, wie er in Konzerten zu verstehen gibt. Er hat Zwillinge, mit denen er auf einem breiten Sofa vorm Fernseher sitzt oder eine DVD anschaut. Über das Ungewöhnliche des Auftrittes räsonniert er, die Leere oder die komische Situation davor.

Eine prima Anekdote hält er bereit über Frau Dr. Nina Simone, die er bei einem Konzert ansagen musste, wie sie mit völliger Abwehr im Gesicht, mit geballten Fäusten sich gaaanz laangsam der Bühne genähert habe, die mit demselben Widerwillen und ablehnenden Gesicht auch zum Publikum geschaut habe, wie sie sich ans Klavier gehockt habe und anfing allmählich sich zu verändern und das Publikum zu verzaubern. Diese Veränderung, die strebt der Künstler an, wenn er das schafft, dann ist er zufrieden. Er sucht den kreativen Knackpunkt.

Man sieht ihn mit einem Kinderchor üben. Das Finale des Filmes sind Ausschitte aus einem großen Konzert in großer Besetzung mit diesem Kinderchor. Wenn es einen Vatikan der Rockmusik gäbe, dann gehörte dieser Film mindestens in die sixtinische Kapelle. Der Vergleich ist insofern nicht ganz aus der Luft gegriffen, als Cave an einer Stelle meint, er fühle sich gottähnlich, wenn er in einen Song eintauche. Der Kontrapunkt sei ihm wichtig beim Entwickeln eines Songes. Den dürften die Filmemacher vor lauter Devotheit dem Rockgott gegenüber (auch mal im goldenen Hemd) verpasst haben.

Die emotionale Musik lässt Tiefe vermuten durch die Anwendung der Stimme, die mehr Stimme als Artikulation ist, mehr Tonsäulenmodulation, gerne leise und hoch, um dann aus der Tiefe den musikalischen Konter zu führen.

Kunst als Abtauchen, als Eskapismus, to forget who you are; Kunst als ein kulturelles Spa.

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