Rectify (TV, arte ab 16. Oktober 22.45 Uhr)

Mittels einer explosiven Ausgangslage spannt „creator“ Ray McKinnon ein dramaturgisches Hochseil für eine aufregende Serie, ein Hochseil, über das der Protagonist, der doch die Technik gar nicht mehr hat, weil er Gefängnistechnik geübt hat, nun schreiten muss und bei jedem Schritt vom Absturz bedroht ist. Der Film macht auf diese Weise einiges sichtbar zumThema Gefängnis als einer Grundfrage unserer Zivilisation.

Die DNA-Analyse machts möglich. Daniel Holden, 20 Jahre im Todestrakt, keine Sonne, kein Wind, kein Wetter, keine Natur, muss freigelassen werden, weil beim Opfer der Vergewaltigung keine Spuren von ihm nachgewiesen werden konnten.

20 Jahre hat er Strategien zum Überleben im Todestrakt entwickelt. Er weiß nicht, ob die dafür gut sind, was ihm jetzt bevorsteht. Das ist die explosive Ausgangslage, der explosive Konflikt, der am Anfang dieser Staffel von „Rectify“ klar exponiert wird.

Aden Young spielt diesen in der freien Zivilisation schutzlosen Menschen, der von knastposttraumatischen Störungen geplagt ist (Rückblenden erinnern an die Zeit), glaubwürdig. Kaum draußen, formieren sich die Parteien in exemplarischen Reaktionen auf einen freigelassenen Gefangenen. Der Senator wünscht eine Wiederaufnahme des Verfahrens („um den Ruf der Mutter des Opfers zu schützen“). Denn politisch sollte Holden hängen. Er war schon damals der ideale Täter, ein etwas schwieriger Mensch, während das Opfer eine bildhübsche junge Frau aus armen Verhältnissen war. Die Öffentlichkeit schrie direkt nach dieser Täterschaft. Und so hat das Gericht auch entschieden.

Nicht glücklich ist auch Ted (Clayne Crawford), der in die Familie der Holdens eingeheiratet hat. Er sieht das geschäftliche Risiko für den Autoersatzteilladen, er befürchtet einen bemerkenswerten Wegfall von Kunden, falls Daniel, der gefängnisgebrandmarkte, wieder im Geschäft mittun würde.

Ganz auf Daniels Seite ist seine Schwester Amantha, Abigail Spencer. Sie hat sich am meisten um seine Freilassung bemüht. Sie ist eine Liaison mit dem Anwalt Jon Stern, Luke Kirby, eingegangen.

An den Stammtischen, bei der Polizei und von Seiten der Familie des Opfers gibt es starke Bestrebungen, Daniel und seine Familie zu mobben, es gibt bedrohliche SMS an seinen jüngeren Bruder Jared, Jake Austin Walker.

Die Fronten sind schnell aufgebaut. Allein, Daniel ist schwer manipulierbar. Er muss sich erst an dieses neu gewonnene Leben gewöhnen. Insofern ist von Folge zu Folge für Spannung gesorgt. Denn es ist völlig offen, wie die Sache ausgeht. Ob die öffentliche Meinung aller modernen Verfahren zum Trotz gegen das Recht sich durchsetzen wird, wie der alte Anwalt Mr. Gates verbittert feststellt, der die Angelegenheit vor 20 Jahren bis zum bitteren Ende mitspielen musste. Der sich nicht wundert, dass der Mensch vom Affen abstamme, der ein fast zynisches Verhältnis zum Rechtsstaat entwickelt hat („Denken Sie, dass wir in modernen Zeiten leben?“).

Aktualität: Anlässlich des Falls Hoeness hat sich die deutsche Öffentlichkeit zumindest einen Moment lang für den deutschen Knastalltag interessiert. Und überhaupt das Thema Knast: was bringt es, Menschen wegzusperren: ist es wirklich nur ein mobartige öffentliche Stammtisch-Meinung, hassgetrieben, die so etwas will?

Die Synchro ist teils sehr locker gesprochen, gelegentlich bis an den Rand der Unverständlichkeit.

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