Das Theater ist das Geschenk der Götter. Bereits das antike griechische Theater. Das auch von den Göttern gehandelt hat. Antigone von Sophokles. Ein Geschenk der Götter wird das Theater hier für eine Gruppe von Arbeitslosen der unterschiedlichsten Alters stufen. Sie bekommen es von einer rührigen Mitarbeiterin des Arbeitsamtes untergejubelt, denn anfänglich wollen die Theaterfremden diese Beschäftigungsmaßnahme nicht speziell gouttieren.
Aber dieses Geschenk, es wird sich um eine Aufführung der Antigone handeln, wird ihnen nebst Standing Ovations mit der zeitweiligen Aufgehobenheit in einem Ensemble viele gute Momente bescheren. Ein Geschenk, das das Leben für diese Zeit zumindest lebenswert macht. Wenn es noch keine Zukunft garantiert. Das wäre eine andere Story.
Der Film von Oliver Haffner wird ausgezeichnet exponiert. Die Aufführung einer Salonkomödie am Stadttheater Ulm in einem herrlich schrägen, dezidiert nicht salonfähigem Bühnenbild. Unsere Protagonistin, Katharina Marie Schubert als Anna, spielt eine Bedienstete und soll für den Galan von Hausherrn Champagner auftragen, der gerade in Liebesdingen auf einem schäbigen Sessel Platz genommen hat. Ihr Text dürfte nicht schwierig sein, aber sie hat einen kapitalen Hänger.
So viel zu Schilderung einer alltäglichen Angstsituation auf der Bühne. Die umrandet nur das richtig Brutale von so einer Bühne, das gleich folgen wird. Nach ihrem Auftritt hat Anna Zeit bis zum Schlussapplaus. Da zitiert sie der Intendant, Bernd Grawert als Theaterleiter Böhmer mit schwarzrandiger Sartrebrille. Mit einer haarsträubenden Argumentation begründet er in wenigen Sätzen jovial ihre Kündigung und demonstriert damit die lässige Allmacht eines Theaterleiters.
Ihr nächster Schritt wird das Gespräch mit der Mitarbeiterin des Arbeitsamtes sein. Sie stößt auf die wunderbar süßliche, eigeninitiative Frau Schnallenberger, Eva Löbau. Die möchte, dass sie mit anderen, schwer zu vermittelnden Arbeitssuchenden („wir sind der stinkende Kackhaufen im fleißigen Ländle“) einen Theaterworkshop macht, um denen Selbstsicherheit beizubringen, damit sie sich präsentieren können, wenn ich das richtig verstanden habe.
Anna ist nicht begeistert. Die nächste Szene ist bei ihr zuhause. Sie wohnt mit einer Kollegin zusammen. Jetzt lässt sich die Kamera ausgiebig Zeit, ihr Zimmer zu zeigen, die Bücher, die Fotos, die Presseausschnitte. Die Szene macht mir aber auch klar, dass es offenbar nicht Ziel dieses Filmes ist, ein Drama oder eine Romantic Comedy oder eine Heldengeschichte über diese Schauspielerin zu machen; denn sonst hätte sich der Film spätestens hier mit den Zielen von Anna auseinandersetzen müssen, was sie als Schauspielerin erreichen will und wie sie diesen Kurs dafür nutzbar machen kann. Nichts davon. Es ist eher sympathische Schauspielerverehrung, die hier Filmzeit füllt. Am Ende dieser Atmosphärenszene findet Anna im Wust ihrer Vergangenheit das Reclam-Heft von Antigone und entscheidet sich dafür, das Stück mit ihren Schützlingen zu erarbeiten.
Die Zimmerinfo über die Darstellerin ist zu dürftig, um sie als tragende Hauptfigur spannend zu machen. An der Stelle wäre tiefere Info über ihren Charakter wichtig gewesen, sie wäre der Ort des Gießens für Fundamente der Tragfähigkeit der Spannung der Hauptfigur. Dadurch, dass das nicht gemacht wird, hat sie später wie keine Haltung zur Geschichte und zum Geschehen, zu ihrem eigenen Handeln. Dieses ist wie nicht abgesichert auf seine filmerzählerische Tragfähigkeit. Die Figur fadet dadurch irgendwie aus dem Film aus. Stattdessen wird kurz vor Ende ein völlig neues Ziel, ein neuer Höhepunkt des Filmes avisiert und bekannt gegeben, das ist die öffentliche Aufführung, die ex nihilo dank der kreativen Arbeitsamtsmitarbeiterin zustande kommt. So sieht man wie das Arbeitsamt selbst in eine Filmdramaturgie hineinpfuscht. Aber dieses Ziel der Erzählung kommt so wie zufällig, wie am Wegrand gefunden daher.
Mit dieser Szene zeigt der Film andererseits, dass er vor allem seine Zuneigung zum Metier des Schauspielers, der an einer Bühne arbeitet, zeigen will. Das tut er auch und strahlt die positive Kraft eines solchen Ensembles aus. Er fährt dann in einer Fake-Doku-Manier fort, die Entstehung des Stückes zu zeigen, aber auch nicht primär mit dem Ziel der Aufführung, sondern mit Abschweifungen in die prekären Privatleben der Kursteilnehmer und Teilnehmerinnen (und dass bei so einer Arbeit selbstverständlich die Gefühle in Bewegung geraten).
Wobei ich, und man kann das nur insofern überhaupt kritisieren, als Haffner sehr genau und hingebungsvoll arbeitet, wobei ich auch für diese Fake-Doku-Variante die erste Leseprobe für fruchtbarer gehalten hätte, wenn ein größeres Stück Text nach der Anleitung rein sachlichen Lesens erst gelesen worden wäre und somit die Konflikte, die erwartbar ausbrechen, für später aufgehoben hätte (womit eventuelle eine gewisse Korrelation von Stück und Vorgängen im Ensemble hätten fruchtbar gemacht werden können). Haffner hat sich immerhin ein ausgezeichnetes Ensemble zusammengesucht und, der Kopf bestimmt, was der Rest tut, ihm den Ensemble-Geist eingehaucht. Das kommt so rüber, dass man gerne mitmachen würde. Das ist im deutschen Kino eher eine Seltenheit. Bemerkenswert die knappe Spreche/Sprache der Darsteller.
Kaspar Caven hat den Kameraehrgeiz der Sache zuliebe und zu deren Vorteil auf seriöse Dokukamera reduziert. Der Schnitt von Anja Pohl ist zweckdienlich (und im Übergang vom Theater zum Arbeitsamt durchaus einen Schauder erzeugend), ebenso das Bühnenbild von Hannes Hartmann und Christine Bentele. Bei so einer Arbeit können die Schauspieler gedeihen. Und den Zuschauer erfreuen.