Like Father, Like Son

Es geht um den Stellenwert der Kinder.

Vielleicht sollten „falsche“ Männer, also solche mit künstlichen Haarteilen und die beim Gesichtschirurgen waren und die Karriere machen wollen, gar nicht erst eine Familie gründen, zumindest keine mit Kindern. Das ist möglicherweise eine recht zwingende Interpretation der Moral dieses Filmes. Einen Hinweis darauf gibt eine brillant inszenierte Miniszene. Der Protagonist, Masaharu Fukuyama als Ryota Nonomiya, ein erfolgreicher Architekt, verheiratet, ein Sohn, Keita, sechs Jahre alt, telefoniert mit seiner Mutter. Sie ist ganz belustigt (er ist gerade sehr ernsthaft drauf) und sagt, sie erwarte jetzt ein unterhaltsames, leicht blödelndes Gespräch über Männer mit Perücken und mit Besuchen beim Gesichtschirurgen. Er findet das gar nicht lustig. Aber der Zuschauer ist fasziniert und findet möglicherweise einen Schlüssel.

Denn die Geschichte, die der japanische Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda in grandioser, stilistischer Einfachheit und Klarheit erzhält, ist natürlich eine ganz, ganz andere. Sie erzählt von zwei ungleichen Familien, einerseits den Nonomiyas, die in einem teuren Wohnhochhaus in Tokio residieren, alles vom Feinsten, Bübchen lernt Klavierspielen. Man wäre sehr glücklich. Nur hat Vater vor lauter Karriere so gut wie keine Zeit. Aber Keita ist ein Musterbub. Beim Elternabend erzählt er, und er macht dabei den Eindruck, er könne kein Wässerchen trüben, ja, mit dem Vater würde er in der Freizeit campen. Was überhaupt nicht stimmt. Vater hat keine Zeit. Vater ist allerdings erleichtert über diese Aussge, fragt nachher den Buben, wie er überhaupt darauf gekommen sei.

Die andere Familie sind die Salkis. Er ist ein mechanischer Tüftler, hat einen kleinen Laden, Handel mit Elektrogeräten und reparieren tut er alles. Die Familie wohnt einfach, hat drei Kinder, darunter den sechsjährigen Buben Ryusei. Der hat mit Keit von der Architektenfamilie das Geburtsdatum gleich. Das wird von entscheidender dramaturgischer Bedeutung werden. Denn an jenem 28. Juli vor genau 6 Jahren ging es einer der Krankenschwestern im Spital, wo die Geburten stattgefunden haben, nicht gut und sie hat die beiden Säuglinge mutwillig vertauscht.

Wie die Geschichte bekannt wird und wie die beiden Familien damit umgehen, das erzählt uns Hirokazu Kore-eda nun in atemlos ruhigen Bildern. Als gelegentliche Musik gibt es etwas Klavierbegleitung, ziemlich ungeschickt und unmusikalisch, wenn Keita, der es lernen soll, spielt, kindergenial bei der Vortagsübung, wenn ein jüngeres, hübsch rotgekleidetes Mädchen spielt und manchmal professionell als Backgroundmusik gekonnt sparsam eingesetzt.

Die Info ist für die Familien anfänglich ein Schock. Immerhin kommen sie bald überein, die leiblichen Söhne jeweils an den Wochenenden zu tauschen. Der Karrierevater setzt die Justiz in Bewegegung. Da sind alle Menschen ganz dunkel und feierlich gekleidet. Die Justiz kann nichts zur Entwicklung eines Kindes beitragen, auch nicht zu Lösung des Problems.

Ryota versucht sich in Vatertum, schöne Szene, wenn er mit dem Sohn auf dem Balkon mit Fischerruten ohne Faden und Angel das Angeln übt, Luftangeln so skurril wie Luftgitarre. Oder wenn er versucht eine Kamera zu reparieren.

Hirokazu Kore-eda hält den Geist des Zuschauers mit seinen großartig inszenierten und mit einfachen Handlungen gefüllten Szenen auf Trab. Was ist wichtiger für die Erziehung eines Kindes: die Blutsverwandtschaft oder die Herzlichkeit und Zuwendung? Kann ein Kind nur als Statussymbol und Beweis für ein korrektes Privatleben benutzt werden? Oder braucht ein Kind das pralle Leben, die Auseinandersetzung und das Zusammenleben mit anderen Kindern? Wie entsteht Identität?

Der Film wirkt wie ein sorgfältig gestaltetes Experiment, das von einem Meisterwissenschaftler vorgeführt wird und manchmal weiß man nicht genau, ob er überhaupt weiß, worauf er sich einlässt, um wiederum von wundersamen Wendungen überrascht zu werden, als hätte er doch alles zum Vornherein gewusst.

Man muss ganz genau folgen als Zuschauer. Die Schauspieler werden von der Regie allesamt brillant geführt, sind in jedem Moment glaubhaft, man kommt gar nicht dazu, sie bewerten zu wollen, denn sie stehen ganz im Dienst des Sache, des Menschenexperimentes, mit dem der Regisseur den Zuschauer beschäftigen will.

Ein anderer Film, bei dem es um einen gezielten Kindertausch ging, auch aus Asien, aus Indien: Mitternachtskinder, dort eher in einer politischen Relation zum Kastenwesen gesehen.

Egoisten sollten keiner Väter werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.