Nowitzki – Der perfekte Wurf

Dass ich mich nach dem Screening dieses Filmes von Sebastian Dehnhardt (Klitschko) mehr für Basketball interessieren würde, kann ich nicht sagen. Trotzdem geht mir der Film noch durch den Kopf. Er zieht einen hinein in eine merkwürdige Doppelwelt, die Doppelwelt des Dirk Nowitzki, dessen Herkunft, sportlich wie privat im Fränkischen gründet, in Peutendorf im Pinzental und in Rattelsdorf in der Turnhalle, wo er früh als von niemandem trainierter Basketballspieler aufgefallen ist.

Seine heutige Doppelwelt besteht einerseits aus einem Leben als wichtigstem Star in der amerikanischen Basketballliga bei den Dallas Mavericks, die er 2011 nach Jahren des Aufs und des Abs zum Meister geschoßen hat. Eine laute, schrille Welt, in der es um viel Geld geht, um Medienbekanntheit und die sich mit merkwürdig unförmigen Majoretten und dicken Männern schmückt.

Andererseits der Spieler selbst, 2,16 Meter groß, ein Spieler wie ein großes Kind, ein Perfektionist, der übt und trainiert und den eine Niederlage, wie der Nichtgewinn oder frühes Ausscheiden in der Meisterschaft arg beuteln kann. Der privat und geschäftlich wenig Bewusstsein hat, der sich von einer Betrügerin hat die Liebe vorlügen lassen. Ein Artist, ein Künstler, den seine Kunst und wenn er sie perfektioniert, glücklich macht. Einer der nicht über das Später nachdenkt.

Er geht jetzt auf die vierzig zu. Er ist nicht scharf auf öffentlichen Auftritt ist. Aber um ihn wanzen sich die Promis, ob Obama oder Merkel. Alle wollen sie sich dekorieren mit so einem Ausnahmesportler. Der selbst bescheiden bleibt und meint, nun, er beherrsche vielleicht diese kleine Kunst, einen Ball aus verschiedenen Situationen mit großer Sicherheit in ein Körbchen mit Netz zu werfen, es gebe doch viele, viele andere Leute, die mit ähnlicher Sicherheit andere Künste beherrschen und um die nicht so viel Aufsehen gemacht wird.

Nowitzky ist nicht scharf auf Werbeverträge, er lehnt die meisten Angebote ab, er will nicht ein Imperium aufbauen wie vergleichbar berühmte deutsche Sportler. Er muss sich aber auch vom Arzt fragen lassen, er gehe jetzt auf die 40 zu, ob er ihm sagen könne, was an ihm noch intakt sei, welcher Knochen.

Nowitzky hat sogar ein Gagenminderung in Kauf genomme, damit sein Klub passende Spieler fürs Team dazukaufen konnte. Allerdings hat er einen großen Verrat begonnen. Noch ganz jung sollte er in Deutschland schon bei einem wichtigen Spiel mittun, da ist er über Nacht – und da kommt sein künstlerisches Alter Ego, sein Trainer Holger Gschwindner ins Spiel, der mit ihm statt dessen über Nacht in die USA geflogen ist, zum sogenannten Hoop Summit, einer Art Casting für junge Basketball-Talente, Dirk war da gerade 19, und ist dort sofort aufgefallen als Ausnahmetalent und holte sich den Einstieg in die amerikanische Liga. Das ist insofern verständlich, als die in Basketball wohl die besten sind und die Spieler sind auch alle sehr groß.

Dabei erfährt man im Film Interessantes über dieses Auswahlverfahren. Die Clubs können beim Summit Talente aus aller Welt sichten. Die Clubs dürfen dann in der umgekehrten Reihenfolge der Bestenliste sich für einen Spieler entscheiden. Die Dallas Mavericks waren mit Abstand der schwächste Club zu jenem Zeitpunkt – und die entschieden sich für Dirk. Eine Investition die sich über ein Jahrzehnt später mit dem Gewinn der Meistserschaft auszahlen sollte.

Der Background von Dirk ist der, dass seine Eltern sportlich aktiv waren, Vater Handballer, Mutter Basketballerin. Er aber als der kleinste in der Familie durfte sich die ersten Zeiten nur geistig damit beschäftigen durchs Zuschauen. Schauen schult offenbar. Da scheint sich bei ihm schon viel vorbereitet zu haben. Wie später Gschwindner ihn entdeckte und unter seine Fittiche nahm, kam auch die Verbindung zur Basketballtradition in Deutschland zustande, denn Gschwinder selber war einer von ihnen, der wiederum vom Begründer der Tradition in Deutschland geschult wurde. Dieser Lehrer sah eine Verbindung von Basketball und Jazz, er selbst spielte Jazz-Saxophon.

Gschwinder ist ein unkonventioneller Typ, einerseits wissenschaftlich, er hat Physik studiert, kann Flugbahnen berechnen, andererseits querdenkerisch mit dem erwiesenen Erfolg. Gschwindner selber ist clever genug, in diesem Film nicht zu viel von sich preis zu geben. Die beiden scheinen Idealisten zu sein, Geld ist nicht das entscheidende für sie, der schöne Wurf, der ungewöhnliche Wurf aus ungewöhnlicher Lage, der sichere Wurf, das sind die Werte, die sie in Bewegung halten, die sie vorantreiben. Künstler der Kunst und nicht Künstler der Vermarktung. Und als Stars nicht leicht zu kapern, zu korrumpieren und zu vereinnahmen. Das ist, was den Film so vereinnahmend macht.

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