Die Zeiten werden härter. Und mit ihnen offenbar die Kinderfilme auch. Ein Film mit einem Kind in einer der Hauptrollen darf bestimmt ein Kinderfilm genannt werden. Es ist das Mädchen Manon, zehn Jahre alt. Sie lebt in ungeregelten Verhältnissen von Zivilibullen. Vater tot. Sie wird in einer Stierkampfarena, weil sie den Tod des Stieres nicht mitansehen will und vorschützt, Pipi machen zu müssen, Zeugin einer brutalen Exekution von russischen oder serbischen Killern. So wie Killer in mittelmäßigen Gangsterfilmen eben aussehen, so finster. Der Boss, Milan, das lässt auf Serbien schließen, will aber kein Risiko eingehen. Also muss das Mädchen gejagt werden. Und mit ihm die Cops. Das war möglicherweise als Actionfilm angedacht. Mutiert aber dadurch, dass diese Tötereien bald schon mitten ins Leben der Zivil- und Kindergesellschaft geraten zum Katastrophenfilm auf öffentlichen Plätzen, in der Stierkampfarena und im letzten Drittel des Filmes ausführlich im TGV.
Verfolgungsjagden und Schießereien werden von Fred Cavayé, der mit Guillaume Lemans auch das Buch nach einer Idee von Olivier Marchal geschrieben hat, breit exekutiert. Anfänglich in leer geräumten Gassen und Industriehallen. Ein Schauderfilm. Die Vorstellung macht schaudern, was in einem doppelstöckigen TGV zwischen Marseille und Aix so alles passieren kann. Und alles wegen einem Kind, das etwas gesehen hat.
Die Ausführenden sind typische Filmmännergesichter, Gangster- und Copgesichter. Der Hauptcop Simon wirkt wie aus einem altmodischen Film. Er ist im TGV unterwegs, um Manon und seine Freundin in Sicherheit zu bringen. Allerdings haben die Gangster Wind davon bekommen. Denn einer von ihnen hat eine vorhergehende, genüsslich auf schauderhafte getrimmte Szene in einem Krankenhaus überlebt. Er hing dort am Tropf und Simon musste zu rabiaten Mitteln greifen, Luft in die Infusion, um eine Info aus dem Ganoven rauszukriegen. Während der Kollege von Simon die Aufpasser an einem Kaffeeautomaten ablenkt.
Zum Glück hat der Kollege von Simon mitgekriegt, dass die Gangster auch den Zug genommen haben. Und nimmt mit dem Polizeiauto eigenwillig die Verfolgung des TGV auf. Im TGV und nachdem er gestoppt ist, kommt es zu viel Schnauferei und Schießerei und Balgerei. Was ein Kind in so einem Film heutzutage alles aushalten muss. Hier können wir jedenfalls keine deutsche Filmförderung oder Fernsehanstalt für das schwache Buch in die Pflicht nehmen, denn es handelt sich um einen französischen Film.
Dafür, dass der Regisseur außerdem die Schauspieler nicht einen Millimeter über ihnen liebgewordene Berufsroutinen hinaus gefordert hat, auch nicht. Es scheint, er habe beabsichtigt, einen besonders spannenden Action-, Verfolgungs- und Schießereifilm machen zu wollen.
Der Titel scheint mir überambitioniert, spricht er doch von Schuld, von „meiner Schuld“. Das ist die des Kollegen, der vor einer Dienstfahrt noch vergessen hatte, das Geschenk für seine Tochter mitzunehmen. Deswegen sind sie später losgefahren und in einen anderen Wagen geknallt; Resultat 3 Tote, 2 Erwachsene und 1 Kind. Dieser Film soll womöglich eine Art Traumaverarbeitung dieses Crashs sein. Das scheint die Idee dahinter.
Der Film arbeitet pausenlos, vermutlich aus Gründen bescheidener finanzieller Ausstattung mit Halbnahen, die gerne den Geschichtsfaden, der sowieso nur brockenweise und fragmentarisch erkennbar ist, zusätzlich überlagern. Es wird wenig Mühe darauf gelegt, den Figuren klare und unterscheidbare Identitäten (und auch Namen!) zu geben. Der Autor scheint davon auszugehen, dass die dem Zuschauer so bekannt sind wie ihm. Ein garantiert einnahmenmindernder Irrtum.