Anne Fontaine, die mit Pascal Bonitzer auch das Drehbuch nach dem Cartoon von Posy Simmonds geschrieben hat, hat sich schon mit Tage am Strand, Mein liebster Alptraum als gehobene, leicht satirische Gesellschaftsbetrachterin einen Namen gemacht; Ernsthaftigkeit ja, aber gegen den tierischen Ernst, ohne jede Vergötterung der Klassik, müsste man heute hinzfügen, denn „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert dürfte zum Autochthon zumindest der europäischen Literatur gehören, unverrückbar, immer wieder lesbar, immer wieder anregend.
Anne Fontaine versucht gar nicht erst den Klassiker mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Sie begibt sich auf die Ebene des Konsumenten, des Verehrers, des Literaturanbeters, der sich seines tristen Alltags enthebt, indem er in literarischen Höhen schwebt, alles um sich herum Literatur werden lässt – und ist doch ein ganz einfacher Bäcker und Brötchenbacker in der Normandie, Martin Joubert. Ihn spielt Fabrice Luchini, der schon beim Moliere auf dem Fahrrad https://www.filmjournalisten.de/2014/04/03/moliere-auf-dem-fahrrad/ sich in die Normandie zurückgezogen hat; man könnte fast von einer Rollenkontinuität sprechen; auch dort war er von der französischen Literatur begeistert, allerdings von Molière.
Neue Nachbarn bringen Abwechslung ins Leben der Jouberts. Das Ehepaar hat einen Sohn, der mit der Schule nich so viel anfangen kann. Schnell sieht der literaturbegeisterte Joubert in der hübschen Nachbarin aus England, Gemma Arterton als Gemma Bovery, Madame Bovary.
Gemmas Ehe ist langweilig; ihr Mann ein braver Restaurator. Mit dem Jungsproß aus dem benachbarten Schloss funkt es schnell und gewaltig. Joubert beobachtet das fassungslos. Er sieht großes Unglück auf Frau Bovery zukommen, denn im Roman endet es bitter und tödlich mit Arsen. Insofern ist der Begriff des Mäusegiftes, wenn er angesichts einer Ratte ins Spiel kommt, sofort gefährlich aufgeladen oder wenn Joubert Frau Bovery zeigt, wie man den Teig in der Bäckerei walkt, so ist das herrlichstse Bäcker-Literatur-Erotik, die uns Anne Fontaine augenzwinkernd serviert.
Das ist überhaupt ihre Grundhaltung in ihrer Erzählung: ich seh die Wirkung eines alten Klassikers selbst heute noch, aber möglicherweise nicht so, wie der Autor es beabsichtigt hat, ich möchte Euch vielleicht ermutigen, ihn mal wieder zu lesen, indem ich euch eine populärcinéastische Einführung gebe. Na ja, und an der Einsamkeit menschlicher Seelen ändert sich nicht viel, ob in der hohen Literatur oder in der Normandie.
Wenn Madame Bovery von einer Biene unter ihrem kurzen Sommerkleid gestochen wird und Monsieur Joubert in die aufregendste Verlegenheit kommt, ihr den Rock hinten aufzuknöpfen und wenn dann noch der Freund dazustößt, so erinnert das Bild an französische, erotische Karikaturen aus dem 18. Jahrhundert. Obwohl das ernste Thema, Tod als Resultat der Sehnsucht, dahinter steht.
Eine zugereiste Engländerin wünscht sich von Bovery, die Künstlerin ist, eine Wandbemalung zwischen Gianni Versace und Geisha-Style.
Die Literatur auf die Ebene der Alltagspraxis heruntergeholt. Da kann schon mal ein schöner Cupido in Brüche gehen.
Oder auch die Frage: imitiert jetzt das Leben die Kunst?