Hier erzählt oder enthüllt uns David Cronenberg nach einem Drehbuch von Bruce Wagner, dass Hollywood eine einzige Inzest-Scheiße ist. Das ist zwar nicht neu. Aber Cronenberg verpackt uns diese Scheiße, als sei sie feinste, erlesenste Confiserie. Scheiße, die schmeckt. Das Sujet mit der verpackten und begehrten, verehrten Scheiße kommt im Film auch vor. Die Jungstars aus der Baby-Serie lästern im kleinen Kreise über Hollywood und die Kollegen und entwickeln dabei diese dufte Idee – und wenn man sie mittels einer Diarrhoe herstellte, wäre man für den Devotionalien-Handel im Franchise-Geschäft noch produktiver.
Einer von diesen Youngsters ist Benje Weiß. Den lernen wir kennen bei den Strategiebesprechungen und Vorbereitungen zur zweiten Staffel der Baby-Serie. Für welche Wohltätigkeit sich einsetzen. Aids wäre gut. Aber eine seltene, kaum bekannte Krankheit, mit einem Namen, den man sich gar nicht merken kann, das wäre nicht so gut.
Wir kennen das aus x Filmen, diese Blicke in die Branche, auf die Besetzungscouch, die Neidereien, die Gier nach Rollen, die privaten Avancen und allerlei Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, um an die Regisseure heranzukommen.
Was Cronberg besonders macht, dass er das nicht so inszeniert, als belustige er sich darüber, sondern er betreibt es todernst. Todernst wird der größte Shit besprochen, in ganz ruhigem Ton, in einer Sachlichkeit die krass konträr zu den bescheuerten Inhalten steht.
Benji ist nicht allein. Er hat eine Schwester, Agatha, Mia Wasikowska, die von der Familie vestoßen worden ist, weil sie ist hinter das Geheimnis der Inzucht ihrer Eltern gekommen ist und in einem Anfall von Drogenwut das Haus angezündet hat. Brandmale sind die Folge. Familie Weiß ist seither eine Gezeichnete. Eine Hollywoodgezeichnete. Und Weiß heißt sie obendrein. Reiner geht nimmer. Nicht White. Sondern Weiß. Hollywood hat deutsche Wurzeln.
Und der Vorname Agatha: die Gute: Reiner und besser geht nimmer. Auch der Vater von Agatha und Benjie arbeitet in Hollywood. Er ist Masseur-Psychotherapeut und Autor, Trainer. Eine seiner Kundinnen, die ein Riesenmutterproblem mit sich herumschleppt, ist Julianne Moore als Havana Segrand (Nicht Le Grand), die nie an ihre eigene Mutter heranreichen wird. Die war eine Übergröße von Kultfigur; sie erscheint ihr immer in Jung. In den Schwarz-Weiß-Streifen hat sie eine Nase von einer klassischen Schönheit, wie selbst Gesichtschirurgen sie kaum je zu schneidern vermögen. Havana wird ständig auf ihre Mutter angesprochen. Bei Havana landet Agatha als Assistentin, nachdem ihre Vorgängerin wegen Kleptomanie geschasst worden ist. Aber eine gute Schauspieleragentin kann auch bei einer solchen Besetzung hilfreich sein.
Auch in Havana pflanzt sich ein Stück Hollywood genetisch und alptraumhaft fort. All diese Alpträume, auch Benjie hat welche und Agatha hat welche, werden noch furchtbare Folgen haben. Eine Goldstatue wie der Oscar ist ja nicht nur als Staubfänger gut. Auch diese Prise Horror ist nicht neu, die wird schon fast, auch wieder als Hinweis auf die Gewohnheit, als Gewohnheit dargestellt.
Die Rolle des Benjie ist mit Evan Bird besetzt, einem, wie er hier aufgenommen wird und wie es scheint, leicht verwachsenen Pykniker; Resultat der Inzucht und prädestiniert für weitere Inzüchteleien. Er entwickelt bereits grauenhafte Starallüren, wie kleine Szenen zeigen; er ist ein gnadenloser Rechthaber und eine Prima-Donna sondergleichen, schon so jung und schon so abgehoben. Das zeigt sich deutlich in einer Szene mit einem kleinen, sommersproßigen Buben, der auf Anhieb die Herzen des Teams und der Zuschauer gewinnt. Allein wenn der den Satz sagt, dass man durch ein Loch in der Wand die Vagina sehen könne und er spricht das „Vabina“ aus, so hat er die Lacher auf seiner Seite; ist von nun an für Benjie nur noch Mr. Vabina, den er am liebsten umbringen würde.
Cronenberg zeigt einmal mehr ein prima Händchen bei der Schauspielerführung; die wirken immer glaubwürdig; das ist hier vielleicht die größere Qualität als das Buch von Bruce Wagner, das uns außer dass Hollywood eben Scheiße und Inzucht sei, nicht viel zu bieten hat. Dieses Wenige aber macht Cronenberg mit seinem wunderbar geführten Cast sehenswert.
Vielleicht sollte man beachten, dass einer der ersten Schriftzüge, die im Film zu sehen sind, auch das genial unauffällig inszeniert, der Begriff „Bad Babysitter“ ist, den Agatha bei ihrer Busfahrt nach Hollywood auf ihrem T-Shirt trägt. Hollywood ist kein guter Babysitter.
Oder: Cronenberg suhlt sich im Mehltau, der über Hollywood liegt, ein nicht ganz unperversers Unternehmen. Aber er macht es so schön; er kompensiert den Dreck von Hollywood, indem er ihn mit den Mitteln von Hollywood schön verpackt, die Scheiße franchisehaftschön verpackt; die Leiche aufmotzt mit ihren eigenen Mitteln.
Diese Hollywood-Welt ist eine enge Welt ohne Ausweg, ohne Übersicht, eine Welt ohne Distanz, die größte Totale ist ein kleiner Ausschnitt vom Fuß des Abhanges, auf welchem die Hollywoodlettern prangen, sonst spielt sich der Hollywood-Inzest überwiegend in Innenräumen ab, eventuell auf dem engen Raum vor einem Haus oder einem Inzucht-Filmgelände oder in einem Inzucht-Trailer, der die Garderobe von Benjie ist.
In Klein kann man das auf Deutschland übertragen. Die möchten ja auch alle Hollywood. Und inzüchtlerisch geht es hier auch ganz schön zu und her. Der Sohn von. Die Tochter von. Diese Liaisons reichen auch bei uns weit zurück in die Film- und Politgeschichte.