Analphabetismus ist ein Phänomen, was verbreiteter ist, als man denkt; über 7,5 Millionen funktionale Analphabeten werden in Deutschland geschätzt. Es ist ein verstecktes Problem, denn niemand gibt gerne zu, dass er Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben hat, ja die Betroffenen entwickeln Techniken und Strategien, es sich nicht anmerken zu lassen. Das können faule Ausreden wie die immer bereit gehaltene Armschiene oder die vergessene Lesebrille sein; das können aber auch höher entwickelte Fähigkeiten werden: kompensatorische Besserentwicklung der mündlichen Kommunikation, Kreativität im Suchen von Lösungen, das Delegierenkönnen, so dass, das ist eine erstaunliche Erkenntnis aus dieser Fernsehdokumentation von Yvonne Rüchel-Aebersold, Redaktion Ulrike Lovett, dass unter dem Führungspersonal überdurchschnittlich viele Legastheniker zu finden sind.
Es gibt verschiedene Gründe für Leseschwäche; das können chaotische Lebensläufe sein (wobei hier Flüchtlingschicksale ausgeklammert sind), Aufwachsen in Verhältnissen, in denen es nicht mal einen Kugelschreiber, geschweige denn Bücher, Zeitungen, Zeitschriften oder andere Texte gibt, aber es gibt auch genetisch bedingte, vererbliche Legasthenie. Alle haben gemeinsam das Problem, dass sie in der Gesellschaft benachteiligt und in der Schule schon gehänselt und gemobbt werden, wenn diese Schwäche offenbar wird.
Diese informative Sendung, die auf ein wichtiges gesellschaftliches Problem aufmerksam macht, und die deshalb sicher im Sinne der gesetzlichen Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein dürfte, stellt drei Einzelfälle in den Mittelpunkt. Um sie herum gibt es kurze Einblick in Aktivitäten des Staates oder der Forschung, die sich damit beschäftigen.
Angelika ist 38 und funktionale Analphabetin. Sie ist mit 12 Geschwistern aufgewachsen, zuhause wurde nicht an die Schrift heran geführt. Sie erinnert eine Jugend vor allem im Freien. Sie versucht mit Hilfe der Arbeitsagentur Beschäftigung zu finden und nimmt an einem Alphabetisierungskurs teil.
Martin ist Chirurg und hat eine genetisch bedingte Legasthenie. Er hat als Technik der Vertuschung in der Schule Texte, die zum Vorlesen vorbereitet werden sollten, einfach auswendig gelernt. Sein Vater ist in der Legasthenieforschung. Martin hat, durch den Vater erstritten, viel staatliche Förderung erhalten, ohne welche er sich jetzt nicht als nützliches Mitglied unserer Gesellschaft fühlen könnte.
Peer ist ein überdurchschnittlich intelligenter Junge. Deutsch ist seine Achillesferse. Er wird medizinisch untersucht. Er braucht, wenn er aufs Gymnasium kommen will, Förderung. Die ist teuer. Eine Stunde pro Woche à 50 Euro, die keine Kasse und auch der Staat nicht übernimmt, und das auf Jahre hinaus. Er kompensiert seine Schwäche durch überdurchschnittliche Teilnahme am mündlichen Schulunterricht.