Die Weite Australiens. Staub. Staubtrockene Farben. Schrottautos. Der Arm des Gesetzes zu kurz, ein Stumpf nur. Alle Schaltjahre einmal eine Anhäufung von einigen Wohncontainern oder schäbigen Hütten, ein abweisender Kiosk oder eine in Vergessenheit geratene Tankstelle. Misstrauen, wo immer Menschen aufeinandertreffen. Australische Dollar werden schon grad gar nicht an Zahlung genommen.
Ein Traumsetting für Männerschicksale, die kein Gesetz brauchen. Für einen Mann, Guy Pearce als Eric, wettergesichtig zerfurcht, ein männliches Wesen ohne sich als solches weiter aufzuführen oder erkennen geben zu müssen, dieses Sein braucht keine Show, ist unterwegs in einer Schrottlaube von Auto. Er hat seine Freundin umgebracht, wie ein anderer sie versucht hat zu betouchen. Den anderen erschoss er dazu. Was heißt Mannsein im Sinne der Weite. Im weiten Sinne.
Hier kann man lange unterwegs sein, bis das Gesetz einen findet. Das Gesetz interessiert sich für so einen Mord nicht einmal. Das sei das allerschlimmste, erfahren wir später, dass er nicht mal bestraft wird dafür. Das Töten und das Vergessen scheinen selbst in so einem abgehärteten Gesicht nicht leicht vereinbar. Vielleicht ein Motor für ständiges Unterwegssein in der staubigen Weite.
Ein weiteres Motiv kommt hinzu. Eric wird zu Anfang des Filmes sein Rosthaufen von Auto geklaut. Wenn es auch kein Gesetz gibt in dieser Weite, so gibt es wohl so etwas wie einen Gerechtigkeitssinn oder womöglich ein anderes, diesen kompensierendes Motiv. Diesen Diebstahl kann er jedenfalls nicht auf sich sitzen lassen. Er verfolgt die Diebe. Knackt dazu selbst eine staubige Blechkiste. Das wird der Bewegungsablauf, die Action in diesem Film werden. Führt so in Facetten durch diese menschenabweisende Staubwüste.
Vor allem, er wird nicht allein sein in dieser Verfolgung. Er stößt auf Rey (Robert Pattinson, kaum zu glauben, das war doch der von Twilight!). Das ist der nicht so ganz dichte Bruder von Henry, einem der Autodiebe. Rey ist etwas halbschlau, wirkt unterbelichtet, ist körperlich verkrümmt, ständig mit dem Gesicht in fast zwanghafter Bewegung sich befindend, die Miene immer voller Emotion, kann drauflosplappern selbst über das Schweigen, kann so nervtötend wirken wie stimulierend.
Rey ist bei einer Story vor diesem Film von seinem Bruder angeschoßen und liegen gelassen worden. Henry ist mit den zwei Kumpanen geflohen. Wir begegnen ihnen zuerst, wie sie, und das ist filmisch alles großartig und extensiv aufgenommen und erzählt, das Auto von Eric klauen.
Die Zeitangabe im Film ist: Australien, zehn Jahr nach dem Zusammenbruch. Welcher Zusammenbruch, das ist unklar, der persönliche von Eric oder bezieht sich das auf eine wirtschaftliche Krise, da mehrfach das Problem mit dem nicht geschätzten australischen Dollar aufkommt.
Ein Film wie er heute nur noch in einem Land wie Australien mit seiner nicht regulierbaren Weite denkbar ist; eine Weite, die eine extrem existenzialistische Dimension der Menschlichkeit abbilden kann, der Weltverlorenheit, der lächerlichen Sinnsuche (nach einem Schrottauto, ums Himmels willen, so etwas als Lebenssinn, was ist mit der menschlichen Existenz los?; und das von einem voll ausgebildeten Mann!).
Die musikalische Untermalung beschränkt sich bis zum Finale lediglich auf rhythmusschlagende Instrumente, Pulsgeber, Pulsmesser, dazwischen, spät, noch ein, zwei Songs mit Themenhinweis. David Michôd, der die Regie geführt hat und auch das Buch nach einer Geschichte von Joel Edgerton, geschrieben hat, versteht sich aufs Dosieren.
Die Sinnlosigkeit oder vermeintliche Sinnhaftigkeit eines Menschenlebens kann sich hier ungehemmt, ungebremst, zügellos, gesetzlos ausbreiten. Wer einmal getötet hat, der schreckt vorm zweiten Mal nicht mehr zuürck. Aber, so die Lehre von Eric an seinen Adlatus, er solle die Toten nicht vergessen, das sei das Schlimmste, dies zu tun. Unziseliertes, knalliges Männerdrama.
Wenn die Polizei auftritt, dann in gepanzerten Wagen, so als schütze sie sich selbst vor der Weite und dem reinen Naturgesetz der Wüste. Irgendwo muss es eine Zivilisation, eine Kultur geben, einmal kreuzt ein horizontweit-langer Güterzug den Weg unseres Schrottautofahrers. Diese Kultur, die so einen donnernden, endlosen Güterzug in Gang setzt von A nach B, die muss unendlich weit weg und mächtig sein.
Rey und Eric sind eine faszinierende Paarung und mit einer solchen steht und fällt ein jedes Roadmovie, der verwitterte Held, der seine ganze Lebensenergie auf die Wiederbeschaffung eines teildemolierten, gestohlenen Wagens einsetzt und der angeschoßene, halbgare, halbschlaue Junge; das verwittert-verschloßene Gesicht gegen das beweglich-mimotische. Das Faszinosum Wilder Mann gegen Halbclown. Eine Ödnis, in der mehr Sorgfalt auf die Beerdigung eines toten Hundes gelegt wird, als auf die Entsorgung Erschoßener.