Leises, unspektakulär schönes Kino zum Abheben. Leicht fängt der Film an. Mit einer Flugaufnahme in Richtung Strand von Nizza. Hier wird gleich einer der härtesten Sportwettbewerbe gestartet, der Iron Man. Er fängt mit einem Schuss an, nach welchem die Massen von Teilnehmern sich ins Meer stürzen zur ersten Wettbewerbsetappe. Noch davor erwischt unsere Kamera, jetzt irdisch geworden, unsere beiden Hauptdarsteller, Fabien Héraud als Julien, ein Glücksfall von Besetzung mit oranger Warnweste in einem Gummiboot sitzend und daneben sein Vater Paul, Jacques Gamblin im Schwimmanzug.
Die Vorgeschichte fängt ein Jahr zurück an. Wieder liebt die Kamera das Fliegen. Auf Bergesspitze umkreist sie einen Tragemasten von einer Bergbahn. Dort in luftiger Höhe hängt angekettet, immobilisiert wie sein Sohn im Rollstuhl, der Vater und lötet. Frau und Sohn warten im wohlausgebauten, architektonisch spröd-schönen Chalet auf den Vater. Er wird mit dem Helikopter von der Arbeit zurückgebracht.
Regisseur Nils Tavernier, der mit Pierre Leyssieux und Laurent Bertoni auch das Buch geschrieben hat, schickt den Vater erst mal in die Kneipe, denn er er muss verdauen, dass er eben seinen Job verloren hat.
Weiter führt Tavernier mit leichter Hand zwar, aber fast ein bisschen dröge, ganz unaufdringlich, weil es halt erzählt werden muss, einige Infos über Julien ein. Der wird bald 18, ist massiv körperbehindert und an den Rollstuhl gefesselt. Aber er ist willenstark. Und schlau und keck dazu. Vater ist für ihn eine Art No-Go-Aerea; der Vater kann nicht viel mit ihm anfangen, erst recht jetzt nicht, wo er arbeitslos ist. Die Mutter Claire, Alexandra Lamy, erträgt die Situation stoisch, in sich hinein. Dieses Vorstellen der Ausgangssituation geschieht in einer dokumentarisch trockenen Art.
Tavernier versucht in keiner Weise, sich dem Publikum anzubiedern oder Juries auf sich aufmerksam zu machen mit Mätzchen. Er erzählt seine Geschichte schnörkellos, weil es sein muss und sein Protagonist Julien versprüht so einen Charme, hat so ein gewinnendes Wesen, dass auch alles drum herum Gemachte nur störend wirken würde.
Julien entdeckt beim Googeln ein Bild von der Sportveranstaltung „Iron Man“, in dem ein Vater mit seinem behinderten Sohn mitgelaufen ist. Somit ist das Ziel für den Film definiert und mit viel Hartnäckigkeit und auch mal Frechheit und Kühnheit ertrotzt der Sohn die Teilnahme. Wie er zuerst nicht zugelassen werden soll, macht Julien sich mit seinem ebenfalls behinderten Freund Yohan auf nach Nizza zu den Veranstaltern. Wie der Concierge sie nicht einlassen will ins Hochhaus, wendet Julien den Rammtrick mit dem Rollstuhl an. Bis der Herr am Empfang sich erholt hat, sind die beiden Lausejungen längst im Lift in die Hohe Etage entschwunden und holen sich die Genehmigung.
Durch die Vorbereitung, das gemeinsame Trainieren wachsen Vater und Sohn zusammen und die Kamera entdeckt ganz nebenbei als ob es selbstverständlich sei, unglaublich schöne Bilder, oft lichtdurchflutet wie bei Renoir, wenn die ganzen Schwimmer ins Meer stürzen, von der Luft aufgenommen oder auch von unter Wasser.
Mindestens zwei Dinge, die vielleicht dazu beitragen, dass daraus so ein bezaubernd schöner Filme geworden ist. Einmal hat Nils Tavernier das Filmen im Blut, er ist der Sohn von Bertrand Tavernier. Zum anderen hat er viele Schauspielerrollen selbst gespielt, was sich positiv auf die Arbeit mit den Darstellern auswirkt. Und er hat ausgiebig Dokumentarfilme gemacht, zuletzt mit Behinderten, wo er die Realität genau studieren konnte. Seine Erzählweise kommt mir wie luftgefedert vor, unbekümmert, aber auf die Geschichte bedacht, auf das Thema Vater-Sohn. Vielleicht ist es diese Ungezwungenheit, diese Selbstverständlichkeit, die ihm noch die fliegerische Freiheit dazu gibt, auch das Schöne zu sehen, die Schönheit vom Licht auf Gegenden und Berge und Meer und auch auf schwimmende Massen oder auf erschöpfte Marathonläufer. So kommt er zu traumhaften, aber in keiner Weise überkandidelten Bildern. Das unterscheidet ihn erheblich von zwei neueren, deutschen Filmen, bei denen es auch um sportlichen Willen ging Die Frau die sich traut, hier will eine Frau mit Schwimmen den Krebs überwinden oder der erfolgreichere Sein letztes Rennen, hier läuft Dieter Hallervorden gegen die Altenheimimmobilität an.
Dabei schildert Tavernier mit diesen unaufdringlich vereinnahmenden Bildern ein essentiell-existenziell menschliches Verhältnis, das Verhältnis eines Vaters zu seinem behinderten Sohn.
So wie Julien an einer Stelle ganz unvermittelt dankt für alles, so möchte man Nils Tavernier für diesen Film danken.