Wolfskinder

Kinder im Zweiten Weltkrieg. Die Reihe der Filme reißt nicht ab.
Lauf Junge Lauf,
Lore und
Das große Heft.

Immer sind die Landschaften traumhaft schön, fast immer, immer sind die Kinder in der Landschaft, müssen allein zurecht kommen. Jetzt hat Rick Ostermann eine weitere Kinder-Im-Weltkrieg-Geschichte aufgetan: die Wolfskinder. Das waren Kinder in Ostpreussen, die ihre Eltern verloren hatten.

Die Brüder Hans und Fritzchen müssen sich nach dem Tod ihrer Mutter allein nach Litauen durchschlagen. Ein Amulett der Mutter, das signalhaft als einzige Orientierung auf dem Weg von Hans immer wieder berührt wird, soll bei der Verwandten in Litauen als Legitimierung gelten.

Die beiden Brüder sind ein glaubwürdiger Cast, keine überfütterten, gesättigten Wohlstandskinder. Leider werden sie schon bald getrennt. Die Geschichte bleibt beim Älteren. Der findet zwei Mädchen und einen Jungen. Vor allem das ältere der Mädchen mag zwar gut schauspielern, verrät aber eine Castingorientierung am heutigen Ideal von Gesichtschirurgen, was mit Kriegskindern wenig gemein haben dürfte. Wobei offenbar Glaubwürdigkeit nicht das Hauptthema von Ostermann gewesen ist. Aber auch diese Gruppe wird durch die Läufe des Schicksals wieder getrennt.

Es wird der Film somit zu einer Aneinanderreihung von Szenen in verschiedenen Gruppierungen von Kindern, die immer geradeaus und nie mit einem Moment der Orientierungslosigkeit durch herrlichste, ostpreussische Wälder und Seenlandschaften gehen, immer von irgendwoher nach irgendwohin. Es gibt Begegnungen mit guten Menschen und es gibt Begegnungen mit schlechten Menschen. Es gibt Verluste. Es gibt den Versuch, wenige und knappe Dialoge einzusetzen. Die wirken meist hirnig und erklärend und vor allem überhaupt nicht natürlich. Oder es wird bei Begegnungen gar nicht gesprochen. Auch unnatürlich. So wird es denn vor allem ein schöner Spaziergang. Konflikte gibt es nicht. Besser gemeint als gekonnt. Tragisches Schicksal in traumhafter Gegend. Mässige Dialogregie. Unnatürlich. Holzhackig.

Ostermann glaubt wohl, wenn er solche Schicksale nachbebildere, dass der Stoff von sich aus tragend genug sei. Er glaubt, er könne die Gesetze des Geschichtenerzählens außen vor lassen. Eine spannende Geschichte braucht eine Figur mit Konflikt am Ausgang. Die fehlt hier schon mal. Insofern hat es der Darsteller auch schwer. Er muss durch die Gegend gehen und mal vergnügt im Wasser schwimmen.

Ostermann meint mit einer gradlinigen Erzählung von A nach B sei Kinospannung garantiert. Wobei es keine Wegmarken gibt, nur Wald und Feld und Flur und Fluss und See im Irgendwo. Nie eine Frage, wie man wohin komme, sie laufen ziellos gerade aus, haben wie von der Regie ein GPS eingebaut, haben soviele Instinkte. Waldzauber und Blütentraum, mystischer, moosbedeckter Wald, Birkenstämme, Sümpfe. Vom Klauen und Erschießen eines Pferdes bis zur Tante in Litauen.

„Wir müssen ihn irgendwo unterbringen“. „Hast Du niemand, der auf Dich wartet?“ „Irgendwo musst Du doch hin wollen“.

Die wenigen Dialoge sind, so wie sie sind, meist auch noch überflüßig.
Und dass das Mädchen an einer Stelle „Der Mond ist aufgegangen“ singt, das ist Krimskrams, unglaubwürdig, das mag mit einer Kultursehnsucht pseudokultureller Kreise in den Fördergremien zu tun haben, garantiert nicht mit der Realität. Das Lied wird inzwischen ein bisschen sehr oft in subventionierten, deutschen Filmen gesungen.
„Wart hier genau an dem Stein, bis ich wiederkomm“. (Befehl an die Mädchen, die damit aus dem Film verschwinden).
Bei neuer Hütte: „Ihr bleibt hier“ (wie im Kinder-Räuber- und Gendarm- oder Hotzenplotzspiel). Unrealistisch.

Der Film entscheidet sich für Auslassung der Entscheidungspunkte einer solchen Flucht, damit Verzicht auf ein Spannungselement, stattdessen die epische Vorwärtsbewegung; Flucht sentimental gesehen. Nur die Idyllephasen, das fotografisch Ergiebige, das Kitschige, und nicht das, was den Menschen gerade in Extremsituationen zum Menschen macht: Entscheidungen, auch riskante, zu treffen, sich auf den Instinkt zu verlassen, Charakter zeigen, handeln.
Flucht als filmisch-fotogener Selbstzweck.

Bruder gefunden, Text:
„Du sprichst Litauisch. Und ein neues Hemd hast Du auch. Und wie geht es Dir hier? Sind sie gut zu Dir?“
„Mutti hat gesagt … wir sollen nicht vergesssen, wer wir sind“.

Dieses in vieler Hinsicht (vor allem Buch und Regie) unbedarfte Werk zu einem ehrenhaften Thema wurde gefördert von den Zwangsgebührentreuhändern
HR, Intendant Dr. Helmut Reitze, arte
und von den Filmförderern
MFG, Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg,
FFA, Vorstand Peter Dinges,
BKM, Frau Monika Grütters
Kommentar des Zwangsgebührenzahlers, der damit Zwangsfinanzierer, somit Zwangsproduzent wird: diese Verwalter von Zwangsgebührengeldern haben ihren Job beim Drehbuchlesen nicht solide gemacht; verdienen geschasst zu werden wie kürzlich Herr Koch bei Bilfinger. Denn es ist nicht das erste Mal, dass wir diesen Namen und Institutionen im Zusammenhang mit Filmen begegnen, die den Begriff Kino nicht verdienen.

Der Autor will den Film verstanden wissen, den Wolfskindern, die von der Wiedergutmachung ausgeschlossen seien, eine Stimme zu verleihen; leider hat er nicht, wie Pepe Danquart es in „Lauf Junge Lauf“, als echten Hammer gebracht hat, am Schluss noch ein richtiges Wolfskind, was heute ein Greis sein dürfte, in den Film und vor die Kamera geholt. Womit die Ernsthaftigkeit seines Anliegens bezweifelt werden dürfte.

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