Wie stadttheaterlich steif Schlöndorff diesen honorigen Versuch, einen Brosamen Vernunft und Rationalität aus dem Barbarenreich, das das Tausendjährige genannt worden ist, zu retten, zeigt sich in einer kleinen Szene gegen Ende, wenn General von Cholditz das Schnurtelefon abnimmt und es meldet sich eine Stimme, die ein Zimmer im Hotel Meurice reservieren möchte. Die Schnur bleibt dem Darsteller beim Versuch den Hörer des altmodischen Telefons aufzulegen im Kostüm hängen und er hält einen Moment irritiert inne, spiegelt die penible Drehsituation, weiterspielen oder den Take abbrechen, es ist ja etwas schief gelaufen. Da Schlöndorff nicht unterbricht, macht der Darsteller eine motzige Bewegung gegen die störende Schnur – und spielt weiter. Schlöndorff lässt dieses Beweisstück seiner schulmeisterlichen Inszenierungsart im Film drin, der ein sorgfältig fürs Reinschreibheft gedachtes, dialogintensives Theater in Räumen vollgestopft mit totem Mobiliar ist.
Mit diesem Film nimmt Schlöndorff für sich in Anspruch, Paris gerettet zu haben; das ist ein bisschen Geschichtsklitterung. Aber die Zeit, die Distanz lässt einen fantasieren.
Die Bemühung Schlöndorffs, das Unfassliche des Dritten Reiches fassbar zu machen, die Suche nach Vernunft und Sprache angesichts der Sprachlosigkeit, kommt mir vor, wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Das macht die Anstrengung durchaus kurios. Weil es ist ja nicht gesagt, dass dieses Modell von Diplomatie realitätstauglich ist, wobei letztlich der Triumph mit der Sippenhaft doch jokerhaft wirkt, umso mehr als Schlöndorff auch die Ehre von Cholditz rettet, als dieser in einem trauten Moment gesteht, dass der Hitler, den er vor kurzem getroffen hatte, mit dem Hitler, den er verehre, nichts mehr zu tun habe, des Diplomaten Versuche insofern eh schon auf fruchtbaren Boden fallen. Im Film geht es darum, dass dieser Cholditz von Raoul Nordling, einem Diplomaten, überzeugt werden soll, Paris entgegen dem Befehl des Führers nicht mit Sprengungen dem Erdboden gleich zu machen.
Vielleicht ist es mehr eine Schlöndorffsche Traumwelt, wie sich der Schulmeister Konfliktbewältigung auf der Welt wünscht.
Interessant, dass die Pikanterie des Ortes, des einzigen Raumes im Hotel Meurice mit doppeltem Boden und mit Geheimtür zu einer Treppe, die auf eine diskrete Seitenstraße führt, dieses Gespräch des Vernunft überhaupt erst ermöglicht. Also wenn man es genau nimmt, dann rettet die Pikanterie und das Freudenleben der Sonnenkönige Paris und die Vernunft dazu. Denn wenn die Räumlichkeit nicht so wäre, dann wäre der Diplomat nie zum deutschen General vorgedrungen, hätte Paris im schlöndorffschen Kosmos nicht gerettet werden können. Frage also, ob Schlöndorffs Konstrukt nicht doch zumindest auf pikanten Füßen steht, wenn nicht gar eine indirekte Huldigung der architektonischen Begleiterscheinungen der erotischen Obsessionen des Absolutismus ist.
Ein einfaches Verständnis von Akzentsetzen gibt Schlöndorff zu erkennen, indem er genau, wirklich wie ein gezielter Paukenschlag, auf die Bemerkung des Generals, dass es genügend Aufrührer gebe, die gerne auf seine Leiche spucken würden, ab Band Theaterdonner erschallt, eindeutig von aufrührerischen Explosionen und der General dreht sich gut einstudiert um, nicht etwa, weil ihn der Lärm aus seinem Gespräch herausgerissen hätte, dieser dürfte erst später eingefügt worden sein, sondern weil das seine Regieaweisung war.
Trotz solcher Kleinigkeiten sind die beiden Protagonisten wunderbare Akteure, gereift durch Jahrzehnte der Schauspielerei, aber auch sie kochen nur mit Wasser – und kein Mensch erfährt, was sie innerlich denken bei ihrer Arbeit. Die Konzentration, die werden sie sicher schätzen.
André Dussolier als Raoul Nordling, erste Nennung bei IMDb 1970, bisher 143 Credits.
Niels Arestrup als General von Choltitz, 78 Credits, beginnend in 1974.
Melodramatisch: „Hier endet also meiner Karriere – trinken wir noch ein Gläschen“ (Whisky). Da fehlt nicht viel zum Bauerntheater.
Die öffentlichen Gelder seien verziehen, handelt es sich doch mindestens um ein schulunterrichtstaugliches Diskussionsmodell zum Thema Konfliktbewältigung. Aber gäbe es da nicht aktuellere, realitätsnähere, glaubwürdigere Fälle?
Es wird der Phosophorbombenteppich über Hamburg diskutiert im Vergleich zur beabsichtigten Sprengung von Paris und es werden auch kleine Kicherwitzchen eingebaut, um die Figuren menschlich werden zu lassen, was deutlich zur Auflockerung des trockenen Lehrstoffes, den Schlöndorff hier pädagogisch-didaktisch präpariert, dient.
Mir scheint der Film vor allem geeignet für eine Schulstunde, in der Disput und Diplomatie behandelt werden können. Viel Zeit verwendet Schlöndorff vielleicht hinsichtlich einer TV-Verwertung und dem damit verbundenen Cliff-Hänger-Prinzip auf Nebensächliches, um ab und an wieder eine Bomberei, eine Schießerei, eine Rennerei dazwischen zu schneiden.
Schlöndorff hatte als Grundlage seines Drehbuches ein Theaterstück von Cyril Gely.