Poizeiruf 110: Morgengrauen (TV ARD BR)

Dieser Polizeiruf nimmt seine Spannkraft nicht aus der Geschichte, diese lässt ernorme Zweifel an ihrer Plausibilität, sondern aus Beherrschung und Intensität des Formalen und der erstklassigen Theaterei der Darsteller der recht hypothetisch erfundenen Figuren. Alexander Adolph hat das von ihm geschriebene Hirnkonstrukt höchst kultiviert inszeniert und mit einer Musik, die zwischen gepflegtem Mahlerlied, allenfalls tragischer Streichermusik und modernistischem Psychose-Psychodelic-Sound alterniert, mit gut getimten, abrupten Schwarzschnitten nahtlos aneinandergestanzt.

Die feine Machart, die edle Performance machen andererseits besonders schmerzlich bewusst, was für ein unglaubwüridger Nonsens die Story ist, wobei eben mit Theatralität als einem Kulturwert an sich darüber hinweggetäuscht werden soll und auch effizient darüber hinweggetäuscht wird.

Behauptung eines Verbrechens, welches nach der Lebenserfahrung eher unplausibel ist. Wo ist das Motiv? Das Motiv muss spürbar sein, muss sehr wohl im Charakter des Täters angelegt sein. Ist es bei Milberg als psychopathischem Psychiater nicht (er leitet in der JVA ein Antigewalttraining für jugendliche Delinquenten, weshalb er Einblick in deren Akten bekommt und die „Selbstmorde“ in Auftrag gibt). Milberg reißt dem Berufsstand der Psychiater die vertauenswürdige Fassade herunter, erzählt mit seiner Figur: jeder vertrauenswürdige Psychiater kann ein Massenmörder sein, nachdem klar ist, welcher Verbrechen er fähig war und sie auch begonnen hat. Eben noch hat man sich gefreut, dass Milberg mal nicht ganz so schleimig rüber kommt, dass er „ehrlich“ wirken möchte. Und dann das.

Der Täter, der Massenmörder, begeht seine Taten nicht selbst. Er setzt einen gedungenen Auftragskiller auf die jugendliche Delinquenten an und möchte damit die Gesellschaft von Unrat säubern. Diese penible Eigenschaft muss sich in seiner Person finden. Ein zweifelhafter Akt von Selbstjustiz, begangen von einem durch und durch seriösen Psychiater. Allerdings ist dieser Gerechtsigkeitswahn in der Figur des Psychiaters in keiner Weise angelegt. Milberg spielt ihn jovial, stottert zwar ein bisschen, wenn er den Kollegen Meuffel, den er von früher kennt, im Auto mitnehmen will. Aber dieses Stottern ist kein schuldbewusstes, sondern eines, das in der dürftigen Gegenwart unserer TV-Produktionen wütet wie Ebola. Das ist modische Schauspieler-Allüre, modischer Schauspielersprech, der auf einen Mangel an Rollenstudium hinweist. Besonders wenn es ums Anbandeln und um Liebesdinge geht. Wie zwischen Meuffel und der Anstaltsanwältin Frau Dr. Wagner. Sandra Hüller als Karen Wagner, die hat Stil, die hat auch Inneres. Dieses Anbandeln ist so inszeniert und gespielt, als hätten Regie und Akteure keinerlei Ahnung, wie das im Leben bei Herrschaften ihres vorgerückten Alters und ihres Standes abläuft. Es sind keine unbeholfenen Teens mehr. Mahler spielt in diesem kindischen Techtelmechtel eine verbindende Rolle. Schön, im Fernsehen die Nähe zu so kultivierten Stotterkreisen vorgespielt zu bekommen.

Gegen den Mahler setzt die Tonspur gerne um den ersten jugendlichen Delinquenten herum eine modernistische Psychomusik, denn es ist nicht sicher, ob dieser nicht eine Psychose hat; redet er doch im Gefängnis ständig von Bedrohung, was im Nachhinein nicht logisch erscheint angesichts der Systematik der Scheinselbstmorde; 9 Stück in „dieser JVA“ in den letzten zwei Jahren. Unter den Insassen scheinen diese kein Thema.

Der Kommissar Meuffels selbst wird vom Drehbuch einmal mehr zum postmodernen TV-Helden hochgestylt: der liebste und verständigste und menschlichste Kommissar und ein Glück, dass so ein Mensch bei der Polizei sei (und im deutschen Zwangsgebührenfernsehen); wobei allerdings der Mund, aus dem dieses Kompliment kommt, wie sich herausstellen wird, voll fauligen Geruchs ist.

Es gibt mehrere Stellen, an denen Leute aus Akten lesen. Hier kommt Pathos pur ins Spiel, sie lesen alle so ehrfürchtig, als ob es sich um eine Bibellesung handelt – lebensfremd.

Nochmal zur Glaubwürdigkeit des hirnigen Konstruktes: ein Massenmörder als Familienoberhaupt einer zahlreichen, gut bürgerlichen Familie mit betriebsam aktivem Familienleben, dessen Zentrum, dem Einfamilienhaus, mit dem verglasten Wintergarten noch das Symbol der Offenheit verpasst wird – hat es das schon einmal gegeben? Und nicht eine Eigenschaft, die gegen dieses Vorbildhafte gebürstet ist. Also erst recht die Frage: wozu das Ganze? Wozu werde ich als Zwangsgebührenzahler gezwungen, so einen „Hirnschiss“ von Konstrukt mitzufinanzieren? Was wollen uns Alexander Adolph und der BR, Redaktion Cornelia Ackers, damit erzählen? Hütet Euch vor dem Familienleben, es kann die Brutstätte für grausame Verbrechen sein? Nun, die These ist altbekannt, aber dann müsste das eben genau gezeigt werden, wo die fauligen Punkte in der Familie liegen. Das wird hier nicht geleistet.

Gegen das Pathos, selbst die jugendlichen Delinquenten sind von diesem wie von Mehltau überzogen, steht einzig die Figur Oberpiller, der Schmutzige, der Österreicher, der an seinem Arbeitsplatz bei der Polizei auf dem Computer Pornos schaut (am deutlichsten zeigt Adolph dem Fernsehzuschauer die fetten Brüste, die sich eine Frau provokant reibt). Dazu holt sich Oberpiller an seinem Schreibtisch einen runter. Das ist der Kamera dann doch ein Tick zuviel. Jetzt hat sie sich in ihrer Jugendfrei-Scheu diskret hinter eine Büroglasscheibe zurückgezogen. Wenn die Kinder zuhause fragen: Mama, was macht der Mann da in seiner Schublade…. Aber auch Oberpiller ist eine eher irritierende Mixtur aus Grobklotz, Schmutzfink, Dreckskerl und dann wiederum Kommissars Best Friend, der ihm am Schluss wie ein Psychologe die Schultern reibt und sagt: lass es raus; als ob er gerade noch am Wichsen sei. Ein Charakterzug, der in der Figur keineswegs angelegt ist. Aber irgendwie muss man nach genau 90 Minuten zu einem Ende kommen, nachdem 10 Minuten vorher noch der übliche alarmistische Endspurt eingebaut wird („Jetzt ist Eile angesagt“), in welchem der Kommissar heldenhaft verletzt wird und noch auf der Bahre sich kümmern kann, wo denn die Frau Wagner sei. Und wie sie ihm, das hat der gute, schmutzige Österreicher-Freund inszeniert, eine kitschige Liebeserklärung über einen Computervideo macht, oh die vielen Sterne auf dem See, da träufelts bei Meuffels schier aus den Augen, die in diesem Moment ausschauen, wie die eines alkoholsüchtigen Trottels.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers, der sich das Geld für so einen Mist von seinem knappen Budget von Staates wegen abknabbern muss.

4 Gedanken zu „Poizeiruf 110: Morgengrauen (TV ARD BR)“

  1. Ich fand den Polizeiruf enorm gelungen.
    Zunächst fängt er an wie ein regulärer Kriminalfall mit klaren Fronten. Mit immer heftigeren Schnitten, immer belangloseren und irrwitzigen Storymotiven wird der Zuschauer in ein Trip versetzt.
    Ich glaube dieser Polizeiruf darf auf keinen Fall so platt analysiert werden wie das hier passiert ist. Er ist psychologisch tiefgehend – ein für mich gelungenes Experiment mit Schnitt, Musik und Story. Auf einer Metaebene ist er aber unglaublich gut gelungen. Das einzige was ich wirklich platt fand war dass die Story so doof ist wie das richtige Leben eben auch. Und das in Kombination mit dem Rest war dann doch sehr gelungen.
    Ich bin froh dass der BR sich getraut hat mal kein Massenfernsehen zu produzieren sondern ein Experiment zu wagen. das für mich gelungen ist. Otto Normal Zwangsgebührenzahler findet das natürlich nicht gut…

  2. Ich meine, hier im Blog anlässlich des letzten Münchener Polizeirufs, bereits kommentiert zu haben, dass die halt immer wieder der Versuchung erliegen KUNST zu produzieren. Das wird wohl an dem enormen Druck liegen, den sich der Bayerische Rundfunk selbst aufgebaut hat, als sie seinerzeit Michaela May und Edgar Selge als Ermittlerpärchen installierten um dann für eben diesen vermeintlichen Widerspruch und eher weniger für die Geschichten Preise um Preise abzuräumen.
    Kurzum: Krimi, Dramaturgie – und dieses Mal vor allem Schnitt und Sound – waren wie immer scheiße, die Darsteller wie immer toll, die Liebesgeschichte hatte was.

  3. Vielen Dank, joe, für Ihren Versuch, diesen Polizeiruf gegen meine Analyse in Schutz zu nehmen. Das liest sich allerdings eher wie der PR-Text einer Redaktion, die ihr Produkt anpreisen will. So bleiben Sie mir in der Substanz Argumente, die meinen Befund stichhaltig erschüttern, schuldig, ja Sie haben mir sogar mit Ihrem Hinweis auf die Massen die Augen geöffnet dafür, dass dieser Polizeiruf in seiner kitschigen Eleganz sich geradezu als Edelschnulze an die Massen anzudienen versucht mit dieser opernhaft romantischen Liebesstory zwischen Kommissar und Anstaltsleiterin, statt sich mit der unangenehmen Recherche zu beschäftigend, wie es dazu kommen kann, dass ein gutsituierter, gut bürgerlicher Psychiater zum selbstjustizhaften Massenmörder mutiert. Statt also den Fokus auf die Familie zu richten, aus der dieses Verbrechen erwächst, entscheidet sich das Fernsehen für die oberflächlich hingestotterte Liebesschmonzette. Aber in der Familie, „im Hause muß beginnen, was blühen soll im Vaterland“ so ist es zu lesen bei Jeremias Gotthelf. Das hat direkt mit der Demokratie zu tun. Und aus dieser begründet sich der Grundauftrag des öffentlichen Rundfunkes. Hier zeigt er sehr klar, dass er ausgerechnet diesen nicht erfüllt. Grund genug also für den Zwangsgebührenzahler dem Hochglanzprodukt die rote Karte zu zeigen.

  4. Vielen Dank, Frank, für Ihr Feedback. Stimmt Sie haben sich schon mal mit einer ähnlichen Meinung hier gemeldet. Zur Story möcht ich gerne einen anderen Zuseher zitieren, der meinte, dass sie zusehends in „selbstverliebte Stimmigkeiten“ absackte.

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