Rheingold – Gesichter eines Flusses

Dokummenation im Modus von Schnell-Schnell-Kommentartext und Geschäftsmodell „von oben Filme“, die Alpen – unser Berge von oben , „Bayern von oben“, „Bavaria – Traumreise durch Bayern“. Inzwischen haben die das ganz gut drauf, die Leute, die sich auf solche Dinge spezialisieren, vor allem die Entwicklung von Kameras auf ruhigem Fluggerät wie Drohnen.

Insofern haben die „von oben Film“ zum Vornherein einen gewissen Reiz. Sie erfüllen zwei Bedürfnisse, die sicher allgemeinmenschlich genannt werden können, den Reiz des Fliegens, des Sicherhebens über die Erdenschwere, der Leichtigkeit, der Schwerelosigeit und der andere, der mehr geistiger Natur ist, das ist die Befassung mit der eigenen Umgebung, der eigenen Region, dem eigenen Land oder auch anderen Ländern, die Extrapolation nach außen und oben.

Hier sind wieder Fernsehsender beteiligt. Insofern sind wir als Zwangsgebührenzahler wieder Zwangsmitproduzenten ohne mitreden zu können, will heißen, wir müssen eruieren, ob wir für dieses Projekt Geld gegeben hätten. Für das Thema auf jeden Fall.

Der Rhein ist von immenser Bedeutung für Europa, für Mitteleuropa mit seiner vielfältigen Geschichte und seiner enormen wirtschaftlichen und kulturellen Aktivität. Für eine 90-Minuten-Dokumentation muss zwingend ausgelesen werden. Umso wichtiger wäre eine klare, thematische Definition des Leitfadens des Interesses, denn nur Hausdächer und Flussläufe von oben reichen nicht. Und da fangen meine Einwände an, da kann ich nur Gründe anführen, warum ich als Zwangsgebührenentrichter den Redakteuren, den Treuhändern dieses Geldes, einen Verweis erteilen würde, ja ich erteile ihn: das Projekt ist dafür, dass es mit Gebührengeldern finanziert ist, zu wenig durchdacht.

Es scheint so, als seien die einfach mal drauflosgeflogen mit enormem Spaß zwar, aber mit wenig Konzept. Aus dem Materialhaufen versuchten dann Peter Bardehle und Lena Leonhardt einen Film zusammenschneiden und zusammenzutexten. Sie sind also auch für die zum Teil dämlichen Texte verantwortlich. Die sind unter Niveau für einen öffentlichen Auftrag. Um darüber hinwegzutäuschen haben diese Filmemacher das Thema Rheingold von Wagner drübergestreut und was nicht hineinpasste wurde passend gemacht. Prokrustesdoku. Dazu eine Dünnfluss-Heißluft Musikimprovisation à la Wagner auf der Tonspur.

Hinzu kommt die hysterische Kurzatmigkeit, der Verzicht auf das Verweilen. Klar fließt der Fluss, aber es gibt nicht einen Vorgang, der einprägsam ins Bild genommen worden wäre, beispielsweise der Tagebau der Kohle in Garzweiler, da hätte mit der gleichen Bildmaterialmenge der Vorgang des Abbaus nachvollziehbarer klar gemacht werden können. Flüchtige Montage und Beliebigkeit dominieren inhaltlich den Film. Von vielem ein bisschen und Wischi-Waschi-Kommentare dazu.

Wenn der Rhein in die Ostsee mündet, dann sei er wie ein alter Mann, heißt es im Kommentar, sorry, das ist echt bescheuert, so etwas auf Gebührenzahlerkosten zu verzapfen und sich auch noch ordentlich dafür bezahlen zu lassen, für so einen unordentlichen Text. Bei der Mündung heißt es, der Fluss würde sich verzweigen, würde das machen, was er in den Bergen schon tut, wie bitte?, beschissene Schlussredaktion!, Pfusch am Film, nicht gut genug für Veröffentlichung, in den Bergen fließen Bäche zum Fluss zusammen und gegen das Meer hin verzweigt der Fluss sich, also zwei vollkommen gegensätzliche Vorgänge. Da hat sich auch Ben Becker, der einen Teil der Texte spricht, rein gar nichts gedacht dabei. Runtersprechen und kassieren. Hat sich zu leicht sein Teil am Gebührenhaufen geangelt. Ungenügend.

Ich würde mich darüber nicht aufregen, wenn mir nicht vorher schon einige richtig schlecht formulierte Texte aufgefallen wären. Verdirbt einem die an sich schönen Aufnahmen von Helikoptern, die die Stechmücken im Auengebiet bekämpfen, die Lotsen zu einem Überseeschiff fliegen, von Fallschirmspringern mit glühendem Auspuff, von Tante Ju oder einer Verwandten in der Luft, vom Zeppelinflug, von Heißluftballons, von Fluss- und Auenlandschaften, von moderner Architektur, von herrlichen Lichtspielen auf ruhigem oder fließendem Wasser bis zur Gischt des Rheinfalls, von nächtlich erleuchteten Industriekomplexen, von AKWs und Fischtreppen, von der Rotfärbung des Rheins bei einer Chemiekatastrophe in Basel von 1986 (sonst hat die Stadt offenbar nichts zu bieten), Schlösser an der Lorely, Storchenpaare (der gallische Hahn habe den deutschen Adler geheiratet und daraus sei der Storch geworden, meint der Kommentar), die Maginot-Linie, Kirchen, Dome, Kathedralen und Schiffe, Schiffe, Schiffe, Kähne, Fähren.

Und eine ganz klare, nicht erlaubte Werbung in Iffezheim, beim Schlussschwenk nach dem Rennen geht die Kamera und stellt noch scharf auf „LONGINES“ (Deal mit Kameramann?). Ein bisschen kommt mir der Film vor, wie der Fischer mit dem Schleppnetz: erst wird Material gesammelt, dann gesichtet und zusammengebastelt und dann muss ein Kommentar dazu, der mit dem Rheingold womöglich zu vermantschen ist, billig, billig und dann ein Analog-Wagner darüber gelegt werden, denn dagegen scheinen in Deutschland keine Argumente möglich.

Angenehm ist, dass auf Statements von Zeitgenossen verzichtet worden ist.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

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