Jimmy’s Hall

Unterschätzen Sie keinen Autodidakten.
Irland, grüne Insel, grüne Kulisse, sanft-grün, eine Augenweide, eine Augenentspannung und immer weht ein leichtes Lüftchen über die Flora. Das ist der ausgesuchte, bewusst und liebevoll ausgesuchte Hintergrund für die Außenaufnahmen zu diesem, wie es heißt, vermutlich letzten Film von Ken Loach, den er nach einem Drehbuch von Paul Laverty, dem wiederum ein Theaterstück von Donal O’Kelly als Vorlage diente, gedreht hat.

Ein Stück, das in krassem Gegensatz zur harmonischen, friedlichen Landschaft und dessen irischem Grün einen historischen Konflikt erzählt, den zwischen Kirche und etablierten Herrschaften und aufkommenden kommunistischen Ideen, aber auch der Verbreitung von Bildung und Freizeitvergnügen, in welchem Loach allerdings ganz subtil, so wie zwischen den Zeilen zu lesen, die Auswüchse von Ideologie, von ideologischer Verbohrtheit und die Folgen des Endes von Gespräch und des Überganges zu roher Gewalt thematisiert, man mag an die Ukraine denken oder an die arabischen Revolutionen, an den Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien oder in Irak.

Jimmy’s Hall, genauer die „Pearse-Connolly Hall“, war in den frühen 20ern des letzten Jahrhunderts im nordwestlichen Irland eine Institution, ein Tanzsaal, ein Treffpunkt für die Jugend, den ein paar Idealisten, allen voran Barry Word, gespielt vom höchst kontrollierten Schauspieler James Gralton, eingerichtet hatten.

Hier konnten die Menschen der Umgebung irische Lieder singen, zeichnen, boxen oder Versen von Yeats lauschen, Musik machen oder tanzen. Das war den Granden und der Kirche suspekt. Sie setzten eine Kommunistenhatz in Gang.

Jimmy konnte fliehen. Er wanderte nach Amerika aus. Dort erlebte er die Zeit der großen Depression – das schildert Loach souverän in einigen markanten Bildern aus jener Zeit – und zehn Jahre später, 1932, kehrte er zurück.

Die Dorfjugend wollte, dass er den Laden wieder aufmacht. Seine frühere Freundin ist inzwischen mit einem anderen verheiratet und hat Kinder. Der alte Pfarrer, Father Sheridan, hockt immer noch auf seiner Pfründe und ist ideologisch nicht einen Schritt weitergekommen. Wie vor zehn Jahren versucht er die Wiedereröffnung des Saales zu sabotieren, an seiner Seite die politisch Herrschenden, die Besitzenden. Ein Gesprächsangebot nimmt der Pfarrer zwar an. Jimmys Vorschlag, er könne Einsitz ins Komitee nehmen und nah dabei sein, was wie beschlossen werde, den quittiert der Pfarrer mit dem Vorschlag, gerne, aber sie müssten den Laden dafür an die Kirche überschreiben. Demokratie im Sinne, dass der Partner einen Kniefall zu machen habe.

Der Pfarrer bedient sich fieser Methoden, um das neu erblühte Leben zu denunzieren. Er stellt sich vor den Tanzsaal und notiert jeden Einzelnen. Am nächsten Sonntag stellt er diese Leute in der Kirche an den Pranger. Da alles nichts nützt und der Laden blüht, fangen die Ideologen an, tätlich zu werden. Es fängt mit gezielten Schüssen aus dem Dunkeln während einer Tanzveranstaltung an. Die Eskalation ist nicht zu vermeiden.

Der politische Hintergrund im Film ist der Bürgerkrieg in Irland. Aber der Konflikt im Film ist übertragbar; das ist doch genau das, was fassungslos macht, wie konnte der Krimkonflikt eskalieren, wie konnte der Bürgerkrieg in Syrien eskalieren, wie konnte in Irak die Chance zum Aufbau einer bürgerlichen Zivilgesellschaft so vertan werden, dass der Staat bald schon in die Hände ideolgisch verbohrter Extremisten zu fallen droht. Wie konnte es in der Ukraine so weit kommen. Insofern vermag es dieses Meisterwerk von Ken Loach, einen über den Kinobesuch hinaus zu beschäftigen.

Die Original-Fernsehbilder von einem Besuch von Kardinal Lauri in Irland, der eine Million Menschen mobilisierte, wirken im Zusammenhang mit diesem Film lächerlich (aber über diese Art der Verehrung scheint die Menschheit auch heute noch nicht erhaben zu sein), Ankunft am 20. Juni 1932. Wie Loach diese dokumentarische Sequenz in seinen Film einfügt und wie sie hier zur Wirkung kommt, auch so ein Detail beweist die große Meisterschaft von Loach.
Wichtig ist die Mutterfigur des Autodidakten Gralton: sie hat ihm in der Jugend die richtigen Bücher zum Lesen gegeben. Kann auch als bildungspolitischer Hinweis interpretiert werden.
Thema: Verteufelung von nicht genehmen Ansichten. Höchst aktuell.

Link zu einer irischen Radiosendung von 1977 zu James Gralton.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.