Das amerikanische Kino ist zu einem beachtlichen Teil ein Dauer-Purge, eine Art Anstalt zur Dauerreinigung von gesetzlosem Gedankengut und Selbstjustiz, so dass man nicht mehr weiß, ob es die Realität spiegelt oder ob die Realität vor lauter Gewaltfilmen glaubt, selber so werden zu müssen. Die Rate an Gewaltverbrechen ist groß und die Regierung machtlos der Waffenlobby und wohl auch Hollywood gegenüber. Das dürfte James DeMonaco vor über einem Jahr zu einer filmischen Fantasie veranlasst haben, die als The Purge – Die Säuberung hier ins Kino gekommen ist, die etwa 3 Millionen Euro gekostet haben soll und laut IMDb allein in den USA innert weniger Monate mehr als das Zwanzigfache eingespielt hat.

Das Gedankenspiel ist verführerisch: eine neue Gründungsgeneration von Politikern hat in den USA als Mittel gegen die Gewalt im Lande eine anarchische Lösung gefunden: an einem Tag im Jahr, eben dem „Purge“ darf während 12 Stunden jeder mit jedem seine offenen Rechnungen begleichen, egal mit welchen Mitteln, egal mit welchen Folgen: aber garantiert mit keinen staatlichen Folgen, mit keinen juristischen Folgen.

James DeMonaco hatte in seinem ersten Purge eine Familie im Zentrum, die selbst mit Sicherheitsfragen befasst war und die für sich den höchstmöglichen Sicherheitstandard, also Schutz vor Purgern, beanspruchte.

Jetzt scheint the Purge auf dem Weg zu einem Franchise zu sein. Jetzt werden die Dinge komplizierter. Wieder hat James DeMonaco das Buch geschrieben und die Regie geführt. Nach dem Überraschungserfolg seines ersten Purges will er reflektierter werden. Der Purge wird von einer Gruppe um einen Che-Guevara-Typen, Camelo, in Frage gestellt, weil er nur im Interesse der Reichen sei. Er will dem Purge mit den Mitteln des Purges den Garaus machen, weil er nämlich im Jahr neun seines Existierens, wir schreiben das Jahr 2024, von den neuen Gründungsvätern als großer Erfolg gefeiert wird, die Verbrechensrate bei 0,5 Prozent, kaum mehr Arbeitslose.

Die Gruppe um Carmelo ist zur Erkenntnis gekommen, dass die Zahlen eine Folge dessen seien, dass der Purge vor allem dazu diene, Obdachlose, Arbeitslose, sozial Schwächere zu töten und so die Statistik zu bereinigen. Es gibt Bilder im Film, die diese Vermutung unterstützen, vom einem LKW werden mit Flammenwerfen Obdachlose entsorgt, die unter einer Brücke hausen und es gibt Maskierte, die so tun, als gehören sie zu den Purgegegnern und wollen potentielle Opfer schützen. Diese fangen sie ein. Darunter ist eine kleine unbehauste Gruppe von hübsch gesichtsmodellierten drei Frauen und zwei Männern, die aus verschiedenen, dramaturgisch ziemlich durchsichtigen Gründen sich auf der Straße befinden. Die so Eingefangenen werden an einer Luxusveranstaltung von Herrschaften in Abendkleidung, Reiche also, über eine Versteigerung zum Abschuss in einem speziellen Darkroom freigegeben. Purge um des Purges willen.

Ob erwägenswert oder nicht, immerhin Gedankenspielereien. Allerdings scheint durch das Überwiegen des thematischen Impetus, dem Purge eine selbstreflektive, sozialkritisch-soziologische Komponente einzuflößen, die einfache Spannung, die DeMonaco mit seinem ersten Purge durch die Konzentration auf die Thematik Sicherheit erzeugt hatte, verloren gegangen zu sein.

Die Synchro ist reine Routine – sie sollte auf der Hut sein beim nächsten Purge. Im übrigen ist die Vorbereitung auf den Purge, die Einführung, die Herleitung gekonnt amerikanisch. Die schaffen es einfach, so etwas plausibel aufzuzäumen. Aber ist es zwingend, dass in einem Horrorfilm nur noch auf Püppchengesichter getrimmte Frauen mitspielen dürfen?

Die Hörner, die Anfang und Ende vom Purge verkünden, die sind urhaft eindringlich. Ende der Zivilisation. Und dann wieder: Ende der Purge-Anarchie. Als sei nichts gewesen. Nach einen Gewitter ist die Luft rein, nicht?

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