Des Dachauer Landes Poesie (so schön wie Indien) und Melancholie (die Zeit der Träumerei ist vorbei, der Zwang zur Reproduktion hat uns in seinen Händen, das ordinäre Bauerntheater beginnt…). Hier überschneiden und überlagern sich die wunderschön fotografierte Dachauer Landschaft mit der wunderschön fotografierten Landschaft Indiens.
Im letzten Teil dieser Trilogie von Karin Michalke und Marcus H. Rosenmüller geht die Realisierung der Träume der gerade so Aufgewachsenen, die im zweiten Film „Beste Gegend“ *, noch nach Amerika tendierten, nach Indien. Einige Träume sind schon geplatzt, ebenso einige Beziehungen, einige lavieren herum und statt in Amerika landen einige der Figuren in Indien.
Im Film selber scheint mir eine fruchtbare Reibung zwischen der Autorin Michalke, die sich ernsthaft bei den Problemen ihrer Generation umsieht und diese mit treffsicheren Dialogen, wobei das Bayerisch eine prima Hilfe ist, in Sprache zu gießen versucht, während Marcus H. Rosenmüller seiner teils kindlichen Freude, dass Kino lustig zu sein habe, treu bleibt, was in Momenten, wo das Drehbuch unentschieden in seiner Exposition der Geschichte wirkt, immerhin Belebung im Sinne des Bauerntheaters verspricht.
Im Film selber, und das dürfte der Geschichte angemessen sein, gewinnt der Ernst der Probleme die Überhand, wer bleibt auf immer mit wem zusammen, auch der Kinder, die allerorten schon da oder unterwegs sind, nach dem ersten indischen Bilderrausch, auch der souverän von Cutter Georg Söring gmeistert und gekleistert; allerdings mit der auch ganz existenziellen Einlage, wie die beiden bayerischen Väter, Heinz-Josef Braun und Andreas Giebel, sich in Indien, aller Habe bis auf die Unterwäsche beraubt, durchschlagen und dann doch noch glücklich die Tochter finden.
Ein Film, der durch seine eigene Entwicklung durchaus über sich hinauswächst, der nach relativ gewöhnlichem Anfang doch bald den Rahmen subventionierten Erzählens in Deutschland sprengt. Durch die schön ziselierte Charakterisierung der Figuren. Wobei die Mütter, die in Deutschland bleiben und lachhafte Faschings-Tierkostüme tragen weniger Chancen haben als die beiden existenzialistischen Väter in Indien; denen der Zug mit ihrem Gepäck davon fährt, weil einer von beiden bei einem unvorhergesehenenen Halt dringend mal muss und die Toilette besetzt ist und er sich ein steiles Flussufer hinab wagt, von welchem die beiden nur durch eine mehr oder minder holprige Slapstick-Einlage, was dem realistischen Charme keinen Abbruch tut, wieder hochkommen, aber der Zug ist uneinholbar weg.
Dann der Überfall von scheinbar freundlichen Menschen auf einer langen, langen, Eisenbrücke, wo den beiden bayerischen Existenzclowns nur noch ihre Leibwäsche bleibt; das ist mehr schnell skizziert gefilmt, denn existentialistisch, obwohl so in der Folge. Während die Tochter, die schon mit einem kauzigen Schweizer angebandelt hat, diesen eines leprösen Kindes wegen hat alleine weiterziehen lassen und sich mit dem armen Kind ein weiterer Handlungsast entwickelt, der Menschlichkeit nicht als rentable Investition erscheinen lässt.
Diese Tochter, Kati, Anna Maria Sturm, ist eine wunderbar bayerische Schauspielerin, nicht weniger als Rosalie Thomass als Jo, die alle in Indien vermuten und suchen, während sie im Dachauer Land, obwohl in Indien geschwängert, sich wieder ihrem Freund, bei dem sie seit zwei Jahren nichts hat hören lassen, aufläuft. Derweil der Unglücksrabe Rocky, Ferdinand Schmidt-Modrow, der so gar kein Rocky ist, Mischung aus intellektuell und ungeschickt, sich selbst in Sandgruben fangen lässt, zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen, der Mutter seines Buben und seiner früheren Liebe. Seine Sandgrubengeschichte gibt Anlass zu größeren Rettungsaktivitäten, die ihn einmal mehr daran hindern, ein guter Vater für den Buben zu sein. Dieser Bub muss seinen einzigen Satz leider hochdeutsch sagen und dies bei vollbayerischen Eltern; da hätte man doch sicher einen Buben mit ausgeprägtem Lokalkolorit finden können.
Im ersten Drittel gilt das Motto: a Gaudi muas sein, Zeit für Ernstes bleibt noch lange.
Schöner Dialog über eine sich spaltende Beziehung, es geht um den Besuch bei den Eltern der Braut. Die Braut, Claudia, Anna Drexler, meint: gestern hast Du noch gekonnt. Darauf meint Ruben, Martin Schick: Aber haid däd i liagn. Was kurz darauf zu einer Ohrfeige von Frau zu Frau führt. Schön getakteter menschlicher Mechanismus.
Anfangs vertraut Rosenmüller der Geschichte von Karin Michalke zu wenig.
Thema dieser Generation, die gegen die 30 geht: wie die Menschen anfangen auseinander zu leben, allein zu leben, das kommt bildlich wie handlungsstrangmäßig prima rüber.
Die Melancholie über das Verlaufen der Zeit, wenn Jo mit Ruben auf dem alten Mercedes hockt, übers Land schaut und sie meint „Hat sich fast nix verändert“, „is des guad oder schlecht?“, meint er und Jo differenziert weiter: „guad und schlecht“. Und schon fällt sie vor Übelkeit vom Auto; so gewinnt Kino Magie.
Zu einem ähnlichen Moment in einem Feld vor Siedlungen, erinnert mich durchaus an Szenen aus dem italienischen Neorealismo, wird die von der Gästen der Ziviltrauung aus weiter Ferne beobachtete Auseinandersetzung zwischen Rocky und der Mutter seines Sohnes; bei der das Thema Veränderung oder die Dinge sollen bleiben wie sie sind in einer großartigen Szene abgehandelt werden.
Während Kati sich in Indien entscheidet, ihr Examen vielleicht aufs nächste Jahr zu verschieben, der Rucksack mit all dem Lernstoff ist verloren, und sie sich sowieso fragt, ob denn ihr Ziel Architekturstudium das Richtige sei für sie; da werden Schienen für weitere Filme gelegt, Lebenswegfilme. Linklaterhaft.
* Aus meinen Notizen zu „Beste Gegend“:
Karin Michalke bleibt ihren Wurzeln treu. Sprachlich als auch lokal. Die Dachauer Gegend, Aichach. Sie schaut dem Volk auf den Mund und bleibt skeptisch Liebesdingen gegenüber. Gleich im ersten Dialog der beiden Freundinnen gibt sie das Thema vor: die Liebe und alles Drum und Dran, wozu ja auch das Sterben und das Abheben gehören, die Treue und der Verrat, Liebe ist, wenn man frei ist, frei auch auszuwandern – der Spielort liegt in der Abflugschneise – oder auch Einflugschneise?
Die Beste Zeit ist die, wo man noch zuhause sitzt, verliebt ist bis über beide Ohren, sein Zimmer über den Balkon verlässt, auf dem Balkon geheime Kerzenparties mit der Freundin feiert und Vaters Wein zum 17. Geburtstag aus dem Keller plündert; wo man als Mädel mit siebzehn mit dem Firmenwagen, Koppenhöber oder wie der Handwerker heißt, nächtliche Abenteuerfahrten unternimmt, von Tandern nach Aichach oder wohin, und den Wagen dann in den Dreck fährt, bevor die Eltern wieder nach Hause kommen. Mit dem LKW, dem großen will man das Unglück beheben, aber der steckt auch gleich fest. Frauen gehören eben nicht ans Steuer, meint der fröhliche Charmeur Mike, der gerade Trainingsbesprechung beim Fußball und also keine Zeit hat und es mit der Treue nicht so genau und auch nicht so pünktlich meint. Also muss das Mauerblümchen unter den Jungs, der bebrillte Rocky, Ferdinand Schmidt-Modrow, her, mit seinem Moped und der holt Hilfe, ein Freund mit einem riesigen Traktor, vorher gilts aber noch auf der Straße das Auto der heimkehrenden Eltern aufzuhalten, lustige Nummer, die er bietet, vorgibt, mitten auf der Landstraße seine Brille zu suchen und die kleinste Beleidigung des Vaters aufschnappt, um die sture bayerisch-ländliche Art des Beharrens auf Entschuldigung zu proben. Er ist der einzige, der ihr nachfährt, wie sie schon mit dem Petershausener Bus unterwegs ist; der hält wirklich auf offenem Felde an; sie steigt aus; er kommt dazu; ihre Freundin auch: und jetzt wissen sie alle nicht recht, wie weiter, in welche Richtung.
Es wäre reizvoll, die drei Filme „Beste Zeit“, „Beste Gegend“ und „Beste Chance“ noch einmal zusammen zu schauen.