Eine wunderbare, zarte, Romantic Poetry über ein kurzes, kostbares Familienglück, was so nicht sein darf und wofür der zugelaufene Vater gerne weitere 25 Jahre ins Gefängnis geht.
Partielle Überbelichtung und Flashbacks tragen dazu bei, dass dieses Glück als ein permanent gefährdetes, außerordentlich kostbares rüberkommt. Wer so ein Glück erlebt hat, der braucht wohl kein weiteres mehr.
In der Form einer Romantic Poetry fragt Jason Reitman, der den Roman von Joyce Mainard zur Vorlage für sein Drehbuch hatte, verhalten skeptisch nach Stabilität und Haltbarkeit von Glück als dem Familienglück. Denn das mit der großen Liebe und dem darauf folgenden ewigen Familienglück hat sich für Adele, Kate Winselt, als ein Reinfall erwiesen, der bei der zweiten Schwangerschaft zu Schlägen durch den Gatten und zu einer Totgeburt geführt hat. Von Beziehung will sie nichts mehr wissen.
Adele lebt in einem schönen Ostküstenholzhaus in einem Kaff, das bei uns vielleicht Hintertupfingen heißen würde, mit ihrem Buben, der am Beginn der Pubertät steht. Sie ist ständig gefährdet, das spielt sie jedenfalls oft, sie kriegt Krämpfe, Angstzustände, manchmal ist sie nicht in der Lage, den Anlasser des wunderbaren Straßenschlittens mit der Holztäfelung statt Außenblech, der Film spielt 1987, zu bedienen. Henry, der Bub, greift beherzt vom Nebensitz ein. Henry ist ein melancholisch versonnener, nichtsdestotrotz ein wacher Bub, der unter dieser nicht intakten Familie leidet. 1987 wird hier auch insofern angenehm in Richtung Poesie und schwirrende Traumzeichnung eingesetzt, als es diese hektischen Kommunikationsmittel von Handys über Laptops und iPhones und Smartphones noch nicht gegeben hat.
Beim Einkaufen in einem Supermarkt drängt ein Mann Mutter und Buben, ihn mitzunehmen. Er schnappt sich schnell eine Mütze und eine Jacke und die verdutzt Überraschten nehmen ihn widerstandslos mit.
Bald wird klar, dass er ein entsprungener Häftling ist, ein verurteilter Mörder. Welcher Art Mord, das wissen wir nicht. Die Gefährdungslage wird akuter als ständig Polizei patrouilliert, als Fahndungsplakate selbst an Bäumen angebracht werden, als die Schlagzeilen in den Zeitungen von dieser Flucht beherrscht sind und auch im Fernsehen dominiert dieser Ausbrecher die Themen. So scheint es zumindest. So bringen Buch und Regie diese menschliche Versuchsanordnung in einen hochriskanten Zusammenhang.
Die Angst vor Entdeckung, das Geheimnis verbindet die Drei. Aber gerade dadurch wachsen sie rasch zusammen. In wenigen Tagen entwickelt sich Liebe zwischen Adele und Frank und auch der Bub findet einen Mann als interessierten und fürsorglichen Ansprechpartner, was ja auch von anderer Seite, die die Information hat, er sei vaterlos, geraten wird. In seinem Alter müsse man mal ein Gespräch zwischen Männern führen über gewisse Dinge.
Obwohl die Mutter doch bei einem fast unrealistisch schönen Gespräch in Hängematten mit ihm auch von bevorstehenden physischen Veränderungen gesprochen hat. Ob er damit was anfangen konnte? Die Gefährdung dieses zarten Familienglücks ist ständig präsent. Einmal klingelt eine Nachbarin, die unbedingt für den Abend ihren behinderten Sohn etwa im Alter von Henry zum Hüten abliefern möchte, ein anderer Nachbar bringt Pfirsiche. Daraus zaubert Frank später eine wunderbare Art Pfirsichcannelloni und wie die drei sie zubereiten mit den nackten Händen die Pfirsichschnitze walken, das ist pures Glück. Und so gefährdet.
Wie die Drei Bonny und Clyde spielen und heimlich nach Canada abhauen wollen, da holt die menschlich-zivilisatorisch-verfasste Realität mit ihren Gesetzen und Regeln vorgeblich zum Glück der Menschen sie wieder ein.
Die Musik ist von einer vorwärtsdrängenden, sensiblen Hektik, sie sehnt sich nach dem Glück und wird sein Vergehen auch verschmerzen, gerne die Gegensaite zupfend oder mit einem bedrohlichen Ton per tiefer Saite oder Trommel zusätzlich zum Spiel auf die Gefährdung unseres hypothetischen Glückes hinweisend.
Eine weiteres Begleit- und Glücksgefährdungsmoment ist der Kontakt zu einem neu zugezogenen altklugen Mädchen in Henrys Alter.
Der Mörder als musterbeispielhafter Mann, musterbeispielhafter Gatte im Haus, der alles repariert, sauber macht, kocht, bügelt und mit der Frau des Hauses auch tanzt. Der Traum für eine Frau, die einen Mann sucht, der ihr Halt gibt und zu dem sie aufschauen kann.